Was wirklich zählt – Der Kampf um unschätzbare Werte der Freiheit

Nov. 3, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Silvana Uhlrich-Knoll |

Niemand weiß gerade ganz genau, um was wir kämpfen. Die Jugend scheint viele Gründe zu haben, auf die Straße zu gehen, und das scheint zu ihrem Problem zu werden. Denn zu viele Köche, heißt es ja so schön, verderben den Brei, und wenn ich mich bei der Masse der Themenvielfalt eventuell nicht mehr entscheiden kann, wird mein Aufbegehren belanglos, da es gegen alles und nichts rebelliert. Thematisch gibt es mehr als genug, zu ergründen und festzuhalten. Ein Thema, wie beispielsweise in Frankreich das Thema Bildung wäre dabei komplett ausfüllend für eine Generation. Dieses Ungleichgewicht gibt es leider schon seit meiner Studienzeit und diese ist nun auch schon 20 Jahre her. Reformgedanken waren schon immer schwierig zu implementieren, da es doch gerade die Lehrenden, die Bildungspolitiker richtig wussten und es selbst nicht interaktiv weiterentwickelt haben. Ausgesessen, vergessen, überholt und vielleicht sogar verstaubt wirken somit heute einige Lehr- und Lernmethoden. Wozu gehen wir Pädagogen alle zwei Jahre zu Fortbildungen, wenn wir doch die Grundlage unseres Bildungssystems immer wieder außer Acht lassen, sich auch weiterzuentwickeln? Wie gut wäre es, wenn wie in Frankreich aus einem beginnenden Protest sich eine politische Wirkung entfalten würde? Dann würden aus Parolen Gesetze werden. Aber dazu gibt es zu viele Meinungen im föderalistischen deutschen System innerhalb der einzelnen Bundesländer. Leider reicht es nicht mehr, seine Unzufriedenheit in die Hassspalte der Kommentare zu setzen, denn da tummeln sich schon alle Stimmtischparoler und Besserwisser. Um etwas erreichen zu können, muss man wissen, was man erreichen möchte. Man kann dabei nicht auf einen fahrenden Zug aufspringen und zum Trittbrettfahrer werden. So wird man nämlich leider schneller überhört und unter der Meute der „Spinner“ abgetan. Was ein Bildungsgipfel, wie von der SPD-Bundestagsfraktion jetzt gefordert, bringen kann, bleibt abzuwarten, aber es ist vielleicht ein Anfang, über Neuzugänge, frische Methoden und neue Ansätze nachzudenken.

Im wieder aktuell gespielten Theaterstück „Jugend ohne Gott“ gibt ist einen jungen Lehrer, zielstrebig und voller Tatendrang, der seinen Schülern neben Geschichte auch Humanismus vermitteln möchte. Doch die aufbrechende Zeit vor 100 Jahren hat die Jugend in eine andere Richtung gelenkt. Das Stück lässt sich mit seiner Aktualität zur heutigen Zeit bedrohend in Szene setzen, da sich Verbindungen zur Gegenwart aufdrängen. Auch hier versucht man, leise Hoffnung zu säen. Man will nicht marschieren, wie heute die meisten der Jugendlichen keinen Wehrdienst mehr ausüben wollen. Die junge Generation wächst in einem komplexen Krisenfeld auf. Doch trotz dieser Krisen zeigen viele Jugendliche ein hohes Maß an Pragmatismus, den Wunsch nach gesellschaftlicher Mitgestaltung und ein ausgeprägtes Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Während oft von Bequemlichkeit gesprochen wird, erleben Jugendliche selbst häufig wenig Unterstützung und fühlen sich mit ihrer Zukunftsverantwortung allein gelassen.

Die seit Jahren sinkenden Basiskompetenzen von Kindern und Jugendlichen im Lesen, Schreiben und Rechnen lassen sich nicht allein auf eine übermäßige Smartphone-Nutzung zurückführen. Ein gravierendes Problem des Schulsystems ist der Lehrkräftemangel. Er ist zu einem erheblichen Teil hausgemacht und macht ebenso wie das Bildungssystem selbst grundlegende Reformen erforderlich. Denn ein Bildungserfolg in Deutschland hängt leider im internationalen Vergleich immer noch stark vom sozialen Status und einer eventuellen Zuwanderungsgeschichte der Eltern ab. Wie schön wäre es, wenn uns endlich die Vielfalt unserer Herkunft in jeder Hinsicht bereichern könnte, wie das Wissen, welches wir aus unterschiedlichen Perspektiven erfahren haben?

Gerade habe ich Station in Weimar und Schwerin gemacht und mich mit historischen Stoffen, Gebäuden und Personen beschäftigt. Goethe, als Kind der Aufklärung, war dabei schon immer ein guter Begleiter meiner selbst. Sei es seine Wissbegierde und sein Forscherdrang, Goethe teilte den optimistischen Glauben der Aufklärung, die Welt und die Natur durch Beobachtung, Naturwissenschaft und empirisches Forschen begreifen zu können. Sei es durch seine Gefühlsethik und aufklärerische Humanität oder durch sein Schaffen eines intellektuellen Zentrums, welches humanistische Ideale, Bildung und sittliche Reife als zentrale Aufgaben des Menschen propagierte. Es schien, als ob der wache Geist Goethes nie still stand und auch heute noch in Weimar und seinen Schaffenskreisen nachwirkt. Auch hier in der traditionell geprägten Stadt öffnet man sich einem neuen Diskurs und fragt nach, inwieweit Goethe heute noch zum Lernstoff und eventuell zu einem Wertekanon unserer Gesellschaft gehören sollte. Sich selbst in Frage zu stellen, Traditionen zu hinterfragen, alte Muster zu durchbrechen und trotzdem Altbewährtes auch mit Wert betrachten. Wie wertvoll könnte so ein Austausch auch in der aktuellen Bildungspolitik sein?

Ein weiterer literarischer Streifzug lässt mich gerade durch die türkische Kultur schweifen und ungeahnte Parallelen in einem religiösen Universum zu meiner humanistisch geprägten Welt finden, die mich um viele Gedankensplitter und neue Erkenntnisse bereichert. Elif Shafaks Buch „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ bezieht sich auf 40 Regeln, welche auf der Philosophie des Sufismus basieren und sind zeitlose Weisheiten über Mitgefühl, das Überwinden von Vorurteilen und das Leben im Hier und Jetzt, die unabhängig von Religion und Kultur existieren. Sie hinterlassen in mir ein Gefühl meiner eigenen Werte ohne jeden Bezug zu einer Religion, sondern zu meiner humanistischen Lebensweise und meinem darauf resultierenden Wertekanon. Genau hier liegt die für mich die große Stärke von Shafaks Roman. Obwohl die Geschichte tief in der islamischen Mystik verwurzelt ist, funktioniert sie als universelle, säkulare Philosophie, die sich vollständig in eine humanistische Lebensweise integrieren lässt. Was bleibt, ist ein zutiefst menschlicher Wertekanon, der mein eigenes Wertgefühl verankert und meine Fähigkeit zur Reflexion und Entwicklung widerspiegelt. Der Weg zur Liebe führt im Buch immer über das Verständnis des eigenen Selbst. Du bist wertvoll, weil du die Fähigkeit besitzt, zu fühlen, zu denken und dich zu verändern. Dieses Mitgefühl ist eine bewusste, menschliche Entscheidung.

Denn wenn du dich empathisch und vorurteilsfrei deinen Mitmenschen zuwendest, tust du das aus einer rein humanistischen Verantwortung heraus, weil du erkennst, dass wir als Menschen alle am gleichen Strang ziehen. Und auch die Liebe wird als stärkste Bindungskraft zwischen den menschlichen Wesen verstanden, da sie Vorurteile aufbricht und das Verbindende sucht. Dieser Wertekanon zeigt, dass das Bedürfnis nach Tiefe, Verbundenheit und moralischer Orientierung ein universell Menschliches ist. Man benötigt keine übernatürliche Instanz, um ein Leben voller Sinn, Würde und tiefem Respekt zu führen.

So müssen wir wieder lernen, aufmerksam zu sein, dranzubleiben, Enttäuschungen auszuschalten und uns in einer Gruppe zurechtzufinden. Viele Schwierigkeiten, die wir heute wahrnehmen, haben nicht nur mit unserem Unverständnis zu tun, nicht mehr dieselbe Sprache zu sprechen (und dies in jederlei Hinsicht), sondern mit den grundlegenden Fähigkeiten, die unseren Wertekanon ausmachen. Denn selbst Goethe wusste dies schon zu würdigen – Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.