Spuren hinterlassen

Sep. 22, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Silvana Uhlrich-Knoll |

Meine Gedanken gehören mir. Mit ihnen kann ich Dingen widerstehen, die mir nicht gut tun. Zu viel Süßes, zu wenig Schlaf, aber auch zu viele negative Sichtweisen und menschenverachtende Reaktionen in meinem Umfeld, die in Extremismus umschlagen können. Meine Gedanken wollen Spuren hinterlassen, um Hoffnung zu geben. Aber Hoffnung entsteht nur dort, wo Menschen erfahren, dass ihr Handeln Wirkung entfaltet. Wo jedoch haben wir momentan diesen Raum in der politischen Landschaft? Gregor Gysi erläuterte in seinem Buch „Was Politiker nicht sagen“ schon den Fakt, dass nicht Wahrheiten die politische Landschaft verändern, sondern Mehrheiten. Das Kernproblem besteht somit darin, dass in einer Demokratie Parteien um Stimmen kämpfen. Wer reine, unverschleierte Wahrheiten ausspricht, die unpopulär sind, verliert oft Wähler und damit die machtgebenden Mehrheiten. Und die Wirkung ist enorm. Politische Veränderungen und Machtverhältnisse basieren darauf, ob es gelingt, viele Menschen von einer Idee zu überzeugen – unabhängig davon, wie komplex oder absolut die objektive Wahrheit dahinter ist. Dies führt im Politikbetrieb leider oft zu Vereinfachungen oder Halbwahrheiten, während der Anspruch nach Wahrhaftigkeit auf der Strecke bleibt.

Liberale Wahrhaftigkeit und Ideen haben wir viele innerhalb von Deutschland, aber es scheint, dass keiner mehr so richtig weiß, was er/sie mit dieser Freiheit eigentlich will. Das politisch etablierte Zentrum schrumpft unaufhörlich. Bei nahezu jeder Wahl in den letzten Jahren mussten die sogenannten Volksparteien in der Summe Verluste hinnehmen. Der Trend zeigt, dass Wähler*innen vermehrt an die politischen Ränder abwandern, was die klassische Funktion von Parteien zunehmend aushebelt, und polarisierende Kräfte erleben einen historischen Aufwind. Doch die Wahlerfolge der letzten Tage bedeuten nicht automatisch auch eine Regierungsmacht. Es zeigt sich ein zunehmendes Dilemma bei der Regierungsbildung. Die AfD kann zwar als stärkste Kraft aus Wahlen hervorgehen, besitzt jedoch ohne koalitionswillige Partner keine direkte Machtperspektive. Die verbleibenden Parteien der Mitte sind gezwungen, immer komplexere und ideologisch heterogenere Zweckbündnisse zu schmieden, um stabile Gegenmehrheiten zu organisieren. Wenn man jetzt am gemeinsamen Nenner ansetzen könnte und nicht nur an den eigenen Interessen der Parteien, wäre das eventuell ein guter Start für eine Kollaboration, aber die Versuche der letzten Jahre lassen uns da eher an einem guten Ausgang zweifeln. Die Ergebnisse spiegeln eine tiefe Unzufriedenheit mit der Bundespolitik wider. Kernthemen, die den Alltag der Menschen direkt betreffen, werden von den Wählern priorisiert. Parteien, die hier klare, wenn auch oft populistische Antworten boten, werden gewählt, weil diese davon profitieren, dass es in einer fragmentierten Gesellschaft mit vielen unterschiedlichen Interessen immer schwieriger wird, allen gerecht zu werden. Was heißt das nun für uns, für die demokratische Gesellschaft, für die Menschen, die Vielfalt in diesem Land leben? Was muss nun mehr in unser Bewusstsein gerückt werden? Wo kann ich das Miteinander suchen, auf ein Zusammensein setzen und dafür kämpfen, dieses zu behalten?

Der Freedom of Thought Report der Humanists International zeigt deutlich, dass Regierungen Religion zunehmend zur Rechtfertigung repressiver Maßnahmen und zur Einschränkung von Menschenrechten heranziehen. Dabei greifen immer mehr Staaten auf autoritäre Praktiken zurück, die insbesondere Nichtreligiöse und religiöse Minderheiten benachteiligen. Zwar berufen sich viele dieser Regierungen auf den Schutz traditioneller Werte, in der Praxis geht es jedoch häufig auch um die Wahrung eigener politischer und gesellschaftlicher Privilegien.

Es braucht Mut, Fingerspitzengefühl und Rückgrat, um dich den Verführungen in der Welt da draußen zu stellen. Allein deine Überzeugung reicht heute nicht mehr aus, denn es gibt einen starken Gegenwind.

Doch es gibt viele, die genauso wie wir sich für diese Grundrechte stark machen und laut werden. Es ist wichtig, nicht übereinander, sondern miteinander zu reden. Menschen zu sehen, Menschen zuzuhören, Menschen zu verstehen und verstehen zu wollen. Alle gehören zur Gesellschaft, niemand sollte ausgeschlossen werden: keine Menschen, die Unterstützung brauchen, keine Menschen aus anderen Ländern, keine Menschen mit Beeinträchtigungen und Krankheiten. Das nennt man Menschlichkeit und Vielfalt.

Das ist ein bewusstes individuelles und kollektives Bestreben, humanistische Ideale zu vertreten und sie in das Gefüge unserer sozialen Realität einzubinden. Auch wenn diese Ziele noch in weiter Ferne liegen, verfolgen wir sie dennoch, damit die Menschheit in einer ungewissen Welt weiter gedeihen kann. Als Humanisten ist dieses gesellschaftliche Ziel unsere Verantwortung und unser Kampf für die Zukunft. Deshalb bleibt Widerstand von größter Bedeutung, wie das Widerstehen im kleinsten Sinne.

Also auf zu gemeinsamen Aktionen. Dort, wo zusammen Chroniken erneuert, Feste gefeiert und Stammtische eingerichtet werden. Dort, wo man sich gemeinsam das Ziel setzt, das schönste Dorf der Region zu werden. Vielleicht sollte sich auch nicht nur hier die Bildungspolitik eine Scheibe abschneiden, um bei Pisa nicht mehr baden zu gehen. Wie wäre es mit der schönsten Bildungsreform, die einen gemeinsamen Nenner in der Politik mit den Menschen vor Ort sucht und ergründet? Dann wird den Leuten nicht nur von oben herab aufs „Maul“ geschaut oder sie werden als „faul“ betitelt, sondern jeder kann auf Augenhöhe dabei sein und Teil der Gemeinschaft werden. Denn das kann man nur erreichen, wenn man vor Ort ist.