von Ortrun Lenz |
Was bleibt, wenn ein Mensch sich von religiösen Gewissheiten löst? Diese Frage wird in religionskritischen Debatten gar nicht so oft gestellt. Häufig geht es darum, ob religiöse Aussagen wahr sind, ob es einen Gott gibt, wie glaubwürdig die Bibel ist oder welchen Einfluss Kirchen auf die Gesellschaft haben. Aber für den Einzelnen kann eine ganz andere Frage wichtiger sein: Was kommt denn eigentlich danach, wenn ich nicht mehr glaube, was mir seit meiner Kindheit vermittelt wurde?
Freiheit klingt zunächst einmal gut, kann aber auch richtig viel Arbeit machen. Wer sich nicht mehr auf vorgegebene Antworten berufen will, muss nämlich seine eigenen finden. Was halte ich für richtig? Was gibt meinem Leben Sinn? Nach welchen Werten möchte ich leben? Und welche Verantwortung habe ich gegenüber anderen Menschen?
Drei Bücher aus dem Angelika Lenz Verlag beschäftigen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit diesen Fragen. Sie sind zu verschiedenen Zeiten entstanden, verfolgen unterschiedliche Ansätze und gehören nicht als Reihe zusammen. Und doch lässt sich zwischen ihnen eine gedankliche Linie ziehen. Sie führt von der Freiheit des Denkens über die Frage nach den eigenen Werten bis zur Verantwortung für den Mitmenschen.
Der Mut, sich von Gewissheiten zu lösen
Christian Casutt nennt sein Buch „Mut zur Glaubensfreiheit“. Schon der Titel ist bemerkenswert. Glaubensfreiheit wird gewöhnlich als das Recht verstanden, den eigenen Glauben ausüben zu dürfen. Dabei wird manchmal vergessen, dass sie ebenso das Recht umfasst, einen Glauben zu prüfen, ihn abzulehnen und sich von ihm zu lösen. Der Autor setzt sich ausführlich mit den Inhalten des christlichen Glaubens auseinander. Er fragt, was Christen glauben, wie sie glauben und warum sie glauben. Dabei spielen nicht nur theologische Argumente eine Rolle. Er beschäftigt sich auch mit Sozialisation und Lebensumständen und stellt in einem Gedankenexperiment die Frage, was wäre, wenn ein Mensch „gottlos“ aufwachsen würde.
Die entscheidende Entwicklung kommt aber nach der Religionskritik. Christian Casutts fünfter Schritt trägt die Überschrift „Was wir an die Stelle des Glaubens setzen sollten“. Es geht um neue Freiheit und Verantwortung, um Sinnfragen und darum, das eigene Leben vernünftig zu gestalten. Hier wird klar: Glaubensfreiheit ist mehr als nur die Abwesenheit von Religion. Alle, die sich von einer vorgegebenen Weltanschauung lösen, gewinnen die Möglichkeit, selbst zu entscheiden. Dass sie damit auch die Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen übernehmen, statt sie einer übergeordneten Macht zu überlassen, ist an dieser Stelle vermutlich jedem klar. Man kann nicht mehr einfach sagen: So steht es geschrieben, also muss ich es so machen.
Aber woran orientieren wir uns?
Das ist die nächste Frage. Wenn moralische Regeln nicht von einer höheren Instanz gegeben werden, an welchen Werten können wir uns dann orientieren? Finngeir Hiorths Buch „Werte“ zeigt schon durch seinen Aufbau, dass die Geschichte menschlicher Wertvorstellungen sehr viel größer ist als die Geschichte einer einzelnen Religion. Hiorth betrachtet die griechische Antike und chinesische Traditionen, Kant, Utilitarismus und Tugendethik. Erst danach kommt er zu Säkularismus, Religion und humanistischen Werten. Das ist interessant, weil es den Blick weitet. Menschen haben zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen darüber nachgedacht, was ein gutes Leben ausmacht und wie man am besten miteinander umgehen sollte.
Hiorth nennt für den säkularen Humanismus unter anderem Gleichheit, Freiheit, Fairness, Menschenwürde und Menschenrechte, Vernunft, Verantwortung, Selbstbestimmung und Toleranz als Werte. Allerdings versucht er gar nicht erst, uns eine endgültige Werteliste vorzulegen. Er kommt vielmehr zu der Erkenntnis, dass eine überzeugende allgemeine Werttheorie schwer zu erreichen ist. Werte müssen im Zusammenhang mit Menschen und unterschiedlichen Traditionen betrachtet werden. Das passt zu einem Humanismus, der keine neue Glaubenslehre sein will.
Frei zu denken bedeutet schließlich nicht, alte Gewissheiten durch neue absolute Gewissheiten zu ersetzen. Wir können Werte begründen, gegeneinander abwägen und über sie streiten. Aber wir müssen auch damit leben, dass andere Menschen in manchen Fragen zu anderen Ergebnissen kommen. Die Freiheit, eigene Werte zu bestimmen, ist dabei selbst ein Wert. Hiorth nennt sie ausdrücklich im Zusammenhang mit humanistischem Denken. Doch diese Freiheit endet nicht beim eigenen Ich.
Das Recht, ein Mensch zu sein
An dieser Stelle kommt Helmut Kober ins Spiel. Sein Buch „Das Recht ein Mensch zu sein“ ist völlig anders angelegt. Er entwickelt keine Werttheorie und schreibt auch keine systematische Religionskritik. Er erzählt von Menschen und historischen Erfahrungen. Von Nationalsozialismus und Widerstand, Bücherverbrennung und Pogrom, Krieg und Völkerverständigung. Dadurch bekommt die Frage nach unseren Werten plötzlich eine andere Schärfe.
Helmut Kober beginnt den titelgebenden Text mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Er erinnert an das Recht auf Leben und Freiheit, an Gewissens-, Meinungs- und Informationsfreiheit und an die Gleichheit aller Menschen ohne Diskriminierung. Für Helmut Kober ist Humanität keine abstrakte philosophische Übung. Seine eigenen Erfahrungen mit Nationalsozialismus und Krieg stehen im Hintergrund vieler Texte. In seinen Erinnerungen begegnen uns Menschen, die verfolgt werden, andere, die wegsehen – und wiederum andere, die trotz der Gefahr menschliche Solidarität zeigen.
Damit stellt sich die Wertefrage noch einmal anders. Es genügt nicht, Freiheit für sich selbst zu verlangen. Sie muss auch für den Menschen gelten, der anders denkt, anders glaubt und anders lebt. Helmut Kober formuliert das sehr deutlich: Toleranz und die Anerkennung des Lebensrechts des andersdenkenden und andersgläubigen Menschen gehören für ihn zu den Grundlagen der Menschlichkeit. Hier schließt sich der Kreis.
Freiheit ist erst der Anfang
Man kann Religion kritisieren, Glaubenssätze verwerfen und zu dem Ergebnis kommen, dass man für sein Leben keinen Gott und keine religiösen Gebote braucht. So weit, so gut. Aber damit ist noch nicht viel darüber gesagt, wie man denn nun leben möchte.
Christian Casutt führt zur Freiheit, selbst zu denken. Finngeir Hiorth zeigt, wie vielfältig Menschen über Werte nachgedacht haben und dass humanistische Werte ohne religiöse Begründung auskommen. Helmut Kober führt schließlich vor Augen, woran sich diese Werte bewähren müssen: am Menschen und seinen Taten.
Ich finde, dass das eine der wichtigsten Aufgaben eines modernen Humanismus ist: Er sollte Menschen nicht lediglich von etwas befreien. Er sollte sie ermutigen, die gewonnene Freiheit zu nutzen. Er sollte sie zum Nachdenken über das eigene Leben anregen, über die eigenen Werte und auch über die Verantwortung, die aus der Freiheit erwächst.
Denn das Recht, ein Mensch zu sein, das wir für uns selbst beanspruchen, besitzt auch der andere.
Frei denken und menschlich handeln gehören zusammen.

