150 Jahre Unitarische Gemeinde –Eine persönliche Wahrnehmung

Okt. 23, 2026 | Statements, Unitarier | 0 Kommentare

von Silvana Uhlrich-Knoll |

Die Arbeit der unitarischen Gemeinde für zwischenmenschliche, kulturelle und philosophische Begegnungen ist ein Licht der Hoffnung, welches wir in unserer gemeinsamen Verbandsarbeit nicht hoch genug halten können. Einen Ort und Platz zu schaffen, wo Menschen miteinander einen Beitrag zur Vielfalt leisten, sich zusammentun und für Gleichberechtigung, humanistische Grundwerte, Toleranz und Menschenrechte einstehen, ist mehr als elementar. Mehr denn je ist das gesellschaftspolitische Engagement unserer Arbeit wichtig, um in unseren Gemeinden, Regionen, Familien- und sozialen Kreisen eine starke Hand zu reichen.
Da sind wir auch gleich beim Thema Gruppenzugehörigkeit. Diese starke Hand bietet die unitarische Gemeinde ihren Mitgliedern und Mitmenschen seit 150 Jahren und ist ein verlässlicher Partner, Unterstützer und Zuhörer, was die vielen Meilensteine der Jahreskette gezeigt haben. Obwohl die Zahl vieler Vereine und Zusammenschlüsse im Laufe der Zeit immer kleiner geworden ist, so scheint sich das Wesen der Zusammenkunft nicht verändert zu haben. Es ist Sinn stiftend, es bietet Halt, man diskutiert seinen Wertekanon mit seinen Mitmenschen, und auch mich lässt es nachdenklich zurück, nachdem ich mit anderen Menschen ins Gespräch gekommen bin.
Doch mehr denn je scheint es nun wichtig zu sein, sich als individueller Mensch seiner Freiheit der Gedanken bewusst zu werden und sich dafür stark zu machen, dass diese Freiheit ein hohes Gut ist und es auch bleiben soll. Unser Wertekanon sucht nach Gruppenzugehörigkeit, und wenn es keine Gruppen gibt, denen sich unsere Gedanken anschließen können, suchen sie vielleicht den kleinsten gemeinsamen Nenner, ohne auf die fatale Ausrichtung aller anderen Bereiche zu achten. Die Demokratie lebt von Dialog, vom Austausch und von Kompromissen. Eine Grundvoraussetzung ist jedoch, andere Meinungen akzeptieren zu können, diese faktenorientiert wahrzunehmen sowie respektvoll mit ihnen umzugehen.
Somit ist das Workshopthema Identität der Veranstaltung gut gewählt, sich seiner selbst klar zu werden, um dadurch seine Verbindung zur Weltanschauung zu reflektieren. In meiner Berufswelt als Gesangs-, Tanz- und Theaterpädagogin geht es immer um das Schöne im Klang und das Schöne in Worten und im Ausdruck, aber wie schön ist es auch, wenn Worte nicht nur schön klingen, sondern auch klug gewählt sind? Wenn sie uns inhaltlich zum Nachdenken anregen und Veränderungen initiieren? Wenn sie Auslöser sind, uns aus einer Art Stillstand befreien oder uns wieder einen Sinn für ehrenamtliches Engagement geben? Ein wesentliches Element von Demokratien ist doch eine gesunde Debattenkultur, die offen, respektvoll und tolerant mit Meinungsunterschieden umgeht. Sie muss Kompromisse ermöglichen, Entscheidungen ableiten und deren Akzeptanz fördern.
So heißt es für uns Aufklärungsarbeit zu leisten, alltägliche Abläufe der Demokratie und deren Wichtigkeit zu verdeutlichen. Veränderungen müssen diskutiert und Kompromisse müssen demokratisch verhandelt werden. Das habe ich hier bei den Unitariern erfahren, eine ungemein angenehme Kultur der gemeinsamen Diskussion, des Aushaltens anderer Meinungen, das miteinander Reden, statt übereinander herzuziehen.
Vielleicht ist es Zeit, unsere Weltanschauung wieder offener mit uns herumzutragen, mehr zu dem zu stehen, woher wir kommen und was diese Gemeinschaft mit uns macht. Ich habe hier auch einen weiteren Gedanken gehört, der mich beschäftigt. Viele berichteten, dass sie ihre Religionszugehörigkeit zunächst für sich behalten und erst dann offen darüber sprechen, wenn ein vertrauensvoller Dialog möglich ist. Doch warum ist das so? Haben wir uns diese Zurückhaltung als eine Art Schutzmechanismus angewöhnt? Oder ist sie Ausdruck eines Respekts vor der Privatsphäre, den wir uns manchmal auch von Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften wünschen würden?
Unsere Identität ist geprägt durch persönliche Erfahrungen, Traditionen der Familie, regionale und kulturelle Unterschiede. Und dennoch haben wir auch erfahren, dass Herkunft und Kultur nicht so einfach zu verschleiern sind, wie wir das eventuell wollen. Somit ist es vielleicht umso wichtiger, über unsere Werte und unsere Anschauungen zu sprechen und uns dazu zu positionieren.
Auch die Frage nach dem beschriebenen Identitätsverlust hält mich gefangen. Nicht nur eine Krankheit wie die benannte Demenz kann uns vielleicht als Gefahrenpol gegenüberstehen und uns nicht mehr alle Seiten von uns zugänglich machen. Auch Manipulation, Indoktrination und Raub meiner Identität kann dazu führen, dass ich den Überblick verliere, Zufluchten nicht mehr erkenne und Ängste nicht mehr überwinden kann. Wie lerne ich dem zu widerstehen? Wie lerne ich es, mich diesen Verführungen und Versprechungen entgegenzustellen?
Um erfolgreich zu kommunizieren, müssen wir manchmal aus dem Normalen herausfallen und auffallen, im guten Sinne. Es geht nicht darum, Wissenschaft, Weltanschauung und Politik auf einfache Aussagen herunterzubrechen, sondern um die Aufmerksamkeit. Wenn wir das Interesse der Leute geweckt haben, lassen sie sich auch auf weitere inhaltliche und komplexere Themen ein. Wir brauchen also wieder mehr Sachorientierung und die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Denn Kompromisse bedeuten auch, selbst etwas zu geben. Gerade in Krisenzeiten, wenn vieles ins Wanken gerät, ist es wichtig, zusammenzurücken, Ressourcen zu bündeln und sich gegenseitig zu helfen. Das ist oft der beste Weg, eine Krise gemeinsam zu bewältigen. Leistung und Aufbruchsstimmung kann ich aber nicht nur von anderen verlangen. Ich muss sie auch vorleben. Vorschläge sind wichtig für mehr direkte Demokratie und die Kunst des Kompromisses. Vielleicht besinnen sich dann einige wieder auf die Dinge, die uns allen in unseren Vereinsstrukturen sehr wohl bekannt sind – Zusammenkunft, Diskussion, Teilhabe und Miteinander.
Großartige Dinge, die die unitarische Gemeinde lebt und weiterträgt. Wir gratulieren von Herzen zu diesem großen Ereignis und danken für die gute Zusammenarbeit. Wir sind Teil des gemeinsamen Netzwerkes und glücklich über die bestehende Zugehörigkeit. Mit unseren 77 Jahren Existenzgeschichte im DFW können wir noch so einiges aus der Geschichte der Unitarier lernen. Herzlichen Dank.