Von deiner und meiner Freiheit

Apr. 21, 2026 | Blog | 0 Kommentare

Von Silvana Uhlrich-Knoll

Viele Freiheiten geraten in den letzten Tagen, Wochen und Monaten unter Druck. Da brauche ich nicht erst in Gedanken die deutschen Grenzen zu verlassen und die Konfliktherde der Welt betrachten, auch hier direkt vor der Haustür beginnt der Kampf um die Freiheit.

So wie unsere Gesellschaft versucht, sich aus den Krisen herauszuputzen, gelingt es doch im zwischenmenschlichen nicht so gut, wie wir es uns immer wünschen würden. Nebenan ist ein Jugendklub, der den Sparmaßnahmen trotz mehrmaliger Beteuerung zum Opfer fällt. Die Jugendlichen werden in andere Räumlichkeiten an den Rand des Stadtbezirks verdrängt und die Frage bleibt, ob es ein Zurück gibt und ob Räumlichkeiten überhaupt Bestand haben.

Freiräume sind in Gefahr, nicht nur hier, nicht nur für die Jugend, aber hier sieht man deutlich, wie einer jungen Gesellschaftsschicht immer wieder über den Mund gefahren wird, weil die Lobby fehlt, die sich für den Erhalt von Schlagzeugklängen aus dem Bandraum und Musik- und Kickergeräusche starkmacht, ohne sich über die Jugendkultur weitere Gedanken zu machen.

Es geschieht keine Vertreibung, sondern eine Verlagerung. Jugendliche, die keinen Anlaufpunkt für Treffen mehr haben, treffen sich dennoch weiterhin. Sie sind da, sie sind ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, obwohl sie milde belächelt werden wegen ihrer angeblich fehlenden Belastungsfähigkeit und ihrer überheblichen und respektlosen Art älteren Menschen gegenüber.

Wie sehr mich dieser Spruch doch an Sokrates erinnert.

Das Problem der niedrigen Toleranz liegt ja gar nicht darin, dass der Generationskonflikt durch unterschiedliche Geschmäcker in Musik und Kleidung groß geredet wird (Moment mal, genau so etwas habe ich ja auch getragen), sondern dass wir der Jugend ihre Intelligenz aberkennen und sie nicht ernstnehmen. Mit dem bloßen Gedanken ‚Komm du erst mal in mein Alter‘ sehen wir genauso arrogant auf die Jugend herab (oder doch eher herauf aufgrund ihrer Körpergröße), wie wir ihnen das selbst vorwerfen. Sind wir jetzt besser?

Diese Stereotypisierung hilft uns im Alltag, eine schnelle Zuordnung in Schubladen anzugehen, ohne sich groß mit einem Thema zu beschäftigen, welches mich vielleicht nicht tangiert oder nicht persönlich betrifft. Doch durch diese Zuordnung wird beispielsweise die Jugend nur noch mehr als störend empfunden und die offene Kultur und die Möglichkeit freier Räume sukzessiv immer mehr verkleinert und zerstört.

Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, welches wir leider in vielen gesellschaftspolitischen Themen gerade finden. Wir suchen immer mehr nach Unterschieden und Möglichkeiten der Abgrenzung, um uns selbst als besser, wertvoller, würdiger darzustellen. Mit welchem Recht und nach welchem Katalog soll das eigentlich entschieden werden? Kann ich Menschenwürde bestellen? Kann ich Intelligenz kaufen? Und ist ein EQ nicht mehr wert als ein IQ, gerade innerhalb einer Gesellschaft? Vorteile gegenüber Menschen, die anders reden, sich anders kleiden, anders aussehen, eine andere Religion ausüben und anderen Traditionen folgen, scheinen unüberwindbar. Ich entdecke jedoch immer wieder Menschen in meinem Mikrokosmos, die zwar anfänglich skeptisch aufeinander zugehen, aber nach einem ersten Gespräch überrascht sind über den neuen Menschen gegenüber. Denn jede/r hat eine interessante Geschichte zu erzählen, unabhängig von Alter, der Herkunft und Lebensweise.

Vielleicht ist es so meine Aufgabe, Menschen unterschiedlicher Couleur zusammenzubringen, um über mein gelebtes Überzeugungssystem der offenen Türen Neugier und Interesse zu schüren, welche uns im Alltag leider zu schnell verloren gehen. Skeptisch auf etwas Neues zuzugehen, empfinde ich nicht als falsch, aber wenn mein Glas schon mit Vorurteilen gefüllt ist, wird auch ein Gespräch meine Meinung schwer beeinflussen können.

Menschen vergleichen sich oft untereinander, um ihren eigenen Standpunkt, ihre Fähigkeiten oder sich zu bewerten, was Unterschiede subjektiv hervorhebt. Wenn ich es dabei aber schaffe, auf Augenhöhe dem Jugendlichen auf der Straße, dem neuen Nachbarn aus einem fremden Land, meiner Bedienung im Café und der Putzfrau auf Arbeit zu begegnen, gehe ich weniger auf unsere Unterschiede ein, sondern auf ein weit wichtigeres Detail – das Gleichnis, das wir alle Menschen sind. Welche Freiheit liegt doch in diesem Gedanken!