von Ortrun Lenz | 21.10.2025
Als Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich erklärte, im Stadtbild gebe es „noch dieses Problem“, löste das weit über die Parteigrenzen hinaus Irritation aus. Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) widerspricht dieser Sicht entschieden. Denn wer Vielfalt als Problem beschreibt, verrät, wie er die Gesellschaft wahrnimmt – nicht als lebendige, lernende Gemeinschaft, sondern als Bild, das zu „bereinigen“ sei.
Worte prägen, wie wir Menschen sehen
„Bei der Migration sind wir sehr weit. Wir haben in dieser Bundesregierung die Zahlen August 24/August 25 im Vergleich um 60 Prozent nach unten gebracht. Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem. Und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“
Dieser Satz des Bundeskanzlers verknüpft Migration und sichtbare Vielfalt mit einem „Problem im Stadtbild“. Solche Formulierungen wirken – auch jenseits ihrer Absicht. Sie verschieben Wahrnehmung, schaffen Distanz und grenzen aus. Sprache ist nie neutral: Wer über Menschen in der Kategorie „Problem“ spricht, verändert das gesellschaftliche Klima. Der DFW erinnert daran, dass Sprache Verantwortung bedeutet. Gerade politische Führung sollte Worte wählen, die integrieren, nicht ausgrenzen.
Vielfalt ist Ausdruck demokratischer Stärke
Für den DFW steht fest: Die Verschiedenheit der Menschen ist keine Belastung, sondern das Fundament einer offenen Gesellschaft. Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Lebensentwürfe, Sprachen, Kulturen und Überzeugungen nebeneinander existieren, und zwar nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung. Freie Weltanschauungsgemeinschaften wissen aus Erfahrung, wie wertvoll dieser Pluralismus ist. Sie sind selbst Ausdruck davon: Religiös frei, humanistisch orientiert, säkular und kulturell engagiert, alle Mitgliedsorganisationen des DFW eint die Überzeugung, dass Freiheit des Denkens und gegenseitiger Respekt untrennbar zusammengehören.
Eine Stadt, in der viele Sprachen gesprochen werden und in der Menschen unterschiedlich aussehen, ist kein Zeichen des Scheiterns. Sie ist im Gegenteil das sichtbare Zeichen einer funktionierenden Demokratie.Gegen irreführende Rhetorik und Abwertung
Der DFW sieht in der aktuellen Rhetorik um das „Stadtbild“ ein Symptom einer gefährlichen Tendenz: Je komplexer die Welt wird, desto stärker wird bei einigen Menschen der Wunsch nach klaren Bildern, nach Ordnung, nach Eindeutigkeit, nach Altbekanntem. Doch diese vermeintliche Vereinfachung in Wirklichkeit eben komplexer Zusammenhänge führt in die Irre. Sie macht uns blind für die Realitäten des Zusammenlebens.
Humanismus heißt, Ambivalenzen auszuhalten. Er steht dafür, Menschen nicht auf äußerlich sichtbare Merkmale zu reduzieren, sondern sie als freie, denkende und handelnde Individuen zu sehen.
Wenn politische Sprache das Gegenteil bewirkt, wenn sie Unterschiede betont und sie negativ konnotiert, dann sind klare Gegenstimmen nötig. Der DFW versteht sich als Stimme für Vernunft, Empathie und Aufklärung und das Streben nach einer solidarischen Gesellschaft.Humanistische Verantwortung – über Grenzen hinaus
Als Dachverband bündelt der DFW die Arbeit vieler Organisationen, die sich in Bildung, Kultur und sozialem Engagement für Verständigung einsetzen. Sie alle zeigen täglich, dass Zusammenhalt entsteht, wenn Menschen einander begegnen, statt sich voneinander zu entfremden. Humanistische Verantwortung bedeutet, über Gruppeninteressen hinauszudenken. Das ist unser Verständnis von Ethik, die sich nicht aus Religion, sondern aus dem gemeinsamen Menschsein begründet. Deshalb verpflichtet uns diese Haltung, Sprache und Politik kritisch zu hinterfragen, wenn sie die Vielfalt der Gesellschaft in Frage stellen.Ein Bundeskanzler muss der Kanzler für alle Bürger*innen sein. Er sollte das Stadtbild als Spiegel einer lebendigen Demokratie verstehen und nicht als Problem, das zu lösen sei. Die Aufgabe verantwortlicher Politik ist es, den Zusammenhalt zu fördern, nicht die Differenz zu betonen. Der DFW steht für eine humanistische Haltung, die besagt:
Vielfalt ist keine Störung, sondern unsere gemeinsame Realität.
Sie zu schützen, heißt, die Demokratie zu schützen.

