„Nachhaltigkeit“ – ein vielschichtiger Begriff

Nov. 18, 2025 | Blog | 0 Kommentare

von Volker Mueller | 18.11.2025

In der menschlichen Geschichte entstand schon früh die Erkenntnis, dass der Mensch auch ein Teil der Natur ist, in der er wirkend und ihren Gesetzen unterworfen lebt. Natur und Umwelt sind Lebensgrundlagen des Menschen, ja der gesamten belebten Natur auf der Erde. In den letzten Jahrzehnten haben wir Raubbau an den natürlichen Ressourcen betrieben, haben die ökologische Sicherheit sträflich vernachlässigt, Umweltprobleme globalen Ausmaßes zugelassen und Klima, Atmosphäre, Wasser, Boden, Flora und Fauna wesentlich geschädigt. Welche Ursachen sehen wir hierfür und welche Entwicklungen zu Veränderungen müssen wir umgehend einleiten? Wie kann die ökologische Wende nachhaltig gelingen? /1/

Eine neue Ethik und Kultur des Lebens unter Achtung der natürlichen Grenzen ist erforderlich. Ökonomie und Politik sind neu auszurichten. Wir sind hierdurch aufgefordert, globale Strategien zu entwickeln, die erdverträgliche Lebensweisen im Anthropozän ermöglichen.

Erlauben Sie mir, wenige Aspekte der Begrifflichkeiten unserer Thematik zu benennen, denn ich sehe hier auch gesellschaftstheoretische und philosophische Dimensionen. Worüber sprechen wir überhaupt?

Nachhaltigkeit ist ein Handlungsprinzip zur Ressourcen-Nutzung, bei dem eine dauerhafte Bedürfnisbefriedigung durch die Bewahrung der natürlichen Regenerationsfähigkeit der beteiligten Systeme (vor allem von Lebewesen und Ökosystemen) gewährleistet werden soll. /2/ Mit anderen Worten: Die beteiligten Systeme können ein bestimmtes Maß an Ressourcennutzung „dauerhaft aushalten“, ohne Schaden zu nehmen. Das Prinzip wurde zuerst in der Forstwirtschaft angewandt: Im Wald ist nur soviel Holz zu schlagen wie permanent nachwächst. Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkannt wurde, dass alle Rohstoffe und Energievorräte auf der Welt auszugehen drohen, ging das Verständnis dieses Prinzips bzw. der Wortgebrauch auf den Umgang mit allen Ressourcen über.

In seiner ersten und älteren Bedeutung weist „nachhaltig“ als Adjektiv oder bei adverbialem Gebrauch darauf hin, dass eine Handlung längere Zeit anhaltend wirkt. Die (ungeregelte) Ressourcennutzung führt zum Verlust der Ressourcen.

Das Wort Nachhaltigkeit stammt von dem Verb nachhalten mit der Bedeutung „längere Zeit andauern oder bleiben“ und hat eine komplexe Begriffsgeschichte. Heutzutage werden im Wesentlichen drei Bedeutungen unterschieden:

- die ursprüngliche Bedeutung einer längere Zeit anhaltenden Wirkung,

- die besondere forstwissenschaftliche Bedeutung als forstwirtschaftliches Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann,

- die moderne, umfassende Bedeutung im Sinne eines Prinzips, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen oder sich regenerieren und künftig wieder bereitgestellt werden kann.

Eine Verwendung der Bezeichnung „Nachhaltigkeit“ in deutscher Sprache im Sinne eines langfristig angelegten verantwortungsbewussten Umgangs mit einer Ressource ist erstmals bei Hans Carl von Carlowitz (1645 – 1714) in seinem Werk Silvicultura oeconomica von 1713 nachgewiesen. /3/

Im derzeitigen Sprachgebrauch konkurrieren unterschiedliche Begriffsauffassungen:

- ein alltagssprachliches Verständnis, das aussagt, dass etwas noch lange Zeit andauern, bestehen, nachwirken oder sein kann bzw. soll, nachdem es gebaut, begonnen und/oder in Bewegung gesetzt wurde;

- verschiedene politische Auffassungen, die dieses Grundverständnis von Dauerhaftigkeit entsprechend der Position verschiedener Interessengruppen variieren. Diese Erweiterung ergab sich zunächst aus der globalen umwelt- und entwicklungspolitischen Debatte seit dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere mit den Definitionen durch die 1983 von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (Brundtland-Kommission), den Club of Rome oder auch die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages. /4/

Als Synonyme zu Nachhaltigkeit sind Begriffe wie "Zukunftsfähigkeit" oder "Enkeltauglichkeit" aufgekommen. Ab 2009 taucht als Synonym zur Nachhaltigkeit der Begriff enkelgerecht auf. Seit 2010 und verstärkt seit 2014 wird er auch in der Politik außerhalb des grünen Spektrums und auch in der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung verwendet. Die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie in der Neuauflage von 2016 ist überschrieben mit dem Slogan „Der Weg in eine enkelgerechte Zukunft“.

In der Diskussion über nachhaltige Entwicklung ist häufig von drei Leitstrategien die Rede:

-          Suffizienz: Verringerung von Produktion und Konsum

-          Effizienz: ergiebigere Nutzung von Material und Energie (Bsp.: Steigerung des Outputs bei gleichem Input)

-          Konsistenz: naturverträgliche Stoffkreisläufe, Wiederverwertung, Müllvermeidung

Ende September 2015 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2015 die „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“. Diese beinhaltet 17 „Ziele für nachhaltige Entwicklung“: Sie sind politische Zielsetzungen der Vereinten Nationen (UN) zur Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene weltweit und wurden in Anlehnung an den Entwicklungsprozess der Millenniums-Entwicklungsziele entworfen. Am 1. Januar 2016 traten sie mit einer Laufzeit von 15 Jahren (bis 2030) in Kraft. Sie gelten für alle Staaten.

Klimawandel, auch Klimaveränderung, Klimaänderung oder Klimawechsel, ist eine weltweit auftretende Veränderung des Klimas auf der Erde. Die mit einem Klimawandel verbundene Abkühlung oder Erwärmung kann über unterschiedlich lange Zeiträume erfolgen. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal besteht dabei zwischen jenen Witterungsverläufen, die im Rahmen eines Klimazustands beziehungsweise einer Klimazone erfolgen, und dem Klimawandel selbst, der die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten bestimmter Wetterlagen erhöht oder vermindert. Die gegenwärtige, vor allem durch den Menschen verursachte, anthropogene globale Erwärmung ist ein Beispiel für einen sehr rasch verlaufenden, aber noch nicht abgeschlossenen Klimawandel. Die durch den aktuellen Klimawandel hervorgerufene oder prognostizierte ökologische und soziale Krise wird auch als „Klimakrise“ bezeichnet.

Literatur:

/1/ Bernhard Verbeek: Wie unser Wertesystem den Planeten zerstört. In: Schriftenreihe der Freien Akademie. Band 40. Berlin 2022. S. 35 – 54; Ute Urban: Erkenntnisse zum Gemeinwohl unserer und zukünftiger Generationen – wie nutzen wir diese? In: Schriftenreihe der Freien Akademie. Band 40. Berlin 2022. S. 55 – 69.

/2/ Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Nachhaltigkeit (gelesen am 09.09.2022).

/3/ Hans Carl von Carlowitz: Sylvicultura oeconomica. Leipzig 1713, S. 105.

/4/ Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie – Neuauflage 2016. Hg.: Die Bundesregierung, Stand: 1. Oktober 2016, Kabinettbeschluss vom 11. Januar 2017.