Miteinander sprechen bleibt wichtig: Religionskritik im 21. Jahrhundert

Aug. 12, 2025 | Blog | 0 Kommentare

von Ortrun Lenz | 12.08.2025

Religionen haben für viele Menschen gewiss ihre Daseinsberechtigung. Sie können demjenigen, der an ihre Inhalte glaubt, Trost und Halt geben. Allerdings dienen sie auch immer noch als Machtinstrument. Im 21. Jahrhundert hat sich jedoch vieles verändert. Religiöse Autoritäten verlieren an Einfluss, gleichzeitig tauchen neue Formen des Irrationalismus auf. Hat die Religionskritik sich auch verändert? Ist sie noch sinnvoll für den säkularen Humanismus?

Die klassische Religionskritik: Vernunft gegen Offenbarung

Bekanntermaßen stellten die Philosophen der Aufklärung die Religion infrage. Dies geschah im Namen der Vernunft und der fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnisse. Spinoza, Diderot, Voltaire, Kant und viele andere wollten niemandem den Glauben verbieten, sondern zeigen, wo der Glaube an höhere Mächte seine Grenzen hat. Sie demonstrierten außerdem, wo religiöse Institutionen zuviel politische Macht beanspruchten. In den Denkern der Aufklärung regte sich Widerstand, wo Religionen Wissenschaft, Sexualität oder individuelle Freiheit unterdrückten.

Im 19. und 20. Jahrhundert spitzten sich diese Fragen zu: Feuerbach erklärte Gott zur Projektion des Menschen, Nietzsche diagnostizierte den „Tod Gottes“, Freud interpretierte Religion als kollektive Neurose. Der Atheismus wurde zur intellektuellen Option, und manchmal zur moralischen Notwendigkeit.

Ist Religion deshalb inzwischen verschwunden? Nicht wirklich. Sie ist zwar längst nicht mehr allmächtig, existiert jedoch weiterhin. Anders als früher, aber sie lebt.

Religion im Wandel als neue Herausforderung

In vielen westlichen Gesellschaften spielt die Bindung an Religionsgemeinschaften inzwischen tatsächlich keine große Rolle mehr. Kirchenaustritte sind mittlerweile an der Tagesordnung und gesellschaftlich akzeptiert. Nicht mehr wie noch in den 50ern, als jede/r Abtrünnige in der dörflichen Kirchengemeinde ein Ereignis war, das der Pfarrer von der Kanzel herunter den treuen Kirchenmitgliedern mit missbilligender Mine verkündete, worüber dann alle empört tuschelten. Manche waren auch ein wenig neidisch, dass der- oder diejenige sich getraut hatte, was sie selbst nicht wagten: sich von der Kirche zu lösen.

Oft gibt es regelrechte Austrittswellen, beispielsweise nach Missbrauchs- und anderen Skandalen. Dogmen verlieren zwar an Einfluss, doch zugleich sind diverse Fundamentalismen nicht totzukriegen. Von christlichem Nationalismus in den USA bis zu islamistischem Fanatismus, von Esoterik-Trends bis zu pseudo-spirituellen Verschwörungserzählungen ist alles dabei.

Die Herausforderung ist also, Religion nicht pauschal abzulehnen, sondern genau hinzusehen und sich dann zur Wehr zu setzen, wenn sie gegen Freiheit, Gleichheit oder Gerechtigkeit eingesetzt wird. „Ist Religion gut oder schlecht?“ ist die falsche Frage. Es geht darum, was Menschen im Namen der Religion tun, was sie aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen tun dürfen oder eben gerade nicht.

Warum Religionskritik wichtig bleibt

Auch in säkularen Gesellschaften werden im Namen der Religion noch Privilegien gerechtfertigt: staatliche Subventionen, konfessioneller Religionsunterricht, kirchliches Arbeitsrecht oder der sog. Gotteslästerungsparagraph (§166 StGB). Wer diese Ausnahmen hinterfragt, steht schnell im Verdacht der „Intoleranz“ den Kirchen gegenüber. Dabei ist es erstens in der Regel umgekehrt: Atheisten werden in vielen gesellschaftlichen Bereichen als „nicht so wichtige gesellschaftliche Gruppierung“ übergangen (Rundfunkräte, Friedhofskapellen u.a.) und zweitens ist Kritik nicht gleich Intoleranz, sondern Teil einer offenen Gesellschaft. Ein säkularer Staat darf Religion weder verfolgen noch bevorzugen. Aber er darf sie hinterfragen – mit den gleichen Maßstäben wie andere Weltanschauungen auch. Vor allem aber sollten die Bürger eines säkularen Staates miteinander im Austausch bleiben, auch wenn sie unterschiedlichen Weltanschauungen oder Religionen angehören. Sich nicht voneinander abzugrenzen trotz unterschiedlicher Weltanschauungen, das ist die Kunst.

Moral ohne Gott: ein aufgeklärtes Menschenbild

Ein Lieblingsargument vieler Gläubiger lautet: Ohne Religion gibt es keine Moral. Dieses Argument ist allerdings längst widerlegt. Humanistische Ethik beruht auf Vernunft, Verantwortungsbewusstsein, Toleranz und Menschenwürde. Ist sie deshalb weniger wer als ein religiöses Dogma? Sicher nicht. Im Gegenteil.

Der säkulare Humanismus ist schließlich kein Ersatzglaube. Er ist eine Weltanschauung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, als selbstverantwortliches, endliches, fragendes Wesen. Humanismus funktioniert ohne Heilslehre. Er setzt die Bereitschaft zum Denken, Zweifeln und ethischen Handeln voraus.

Religionskritik als Angebot zum Dialog

Gute Religionskritik ist kein feindlicher Angriff. Sie will zum Nachdenken, Weiterdenken und Diskutieren ermuntern. Sie lädt ein, Widersprüche aufzuzeigen, Unlogik zu erkennen, Machtverfilzung zwischen Staat und Kirche zu erkennen. Religionskritik sollte nicht höhnisch oder verletzend sein, aber klar in ihren Aussagen. Eine Gesellschaft, in der man keine religiösen Überzeugungen hinterfragen darf, ist keine freie Gesellschaft.

Dabei gilt: Menschen sind zu respektieren – Ideen dürfen kritisiert werden. Zwischen diesen beiden liegt die Freiheit des Denkens. Religionskritik kann heute immer noch Machtverhältnisse aufdecken, religiöse Wahrheiten hinterfragen und zur Wahrung eines weltanschaulich neutralen Staates beitragen.

Fazit: Kritik ist kein Angriff, sondern Teil der Freiheit

Wenn Humanisten Religion kritisieren, tun sie das nicht aus Hass, sondern aus Verantwortungsgefühl. Aus Sorge um Selbstbestimmung, um wissenschaftliche Integrität, um soziale Gerechtigkeit. Religionskritik des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr nur Kampf gegen Dogmen, sondern auch Verteidigung gegen Rückfälle ins Irrationale, ins Autoritäre, ins Ausgrenzende.

Der säkulare Humanismus bleibt dabei klar: Kein Mensch ist besser, weil er glaubt. Und kein Mensch ist schlechter, weil er es nicht tut. Ob man religiöse Feste begeht oder eine säkulare Feierkultur pflegt, spielt keine Rolle. Was zählt, ist, wie wir miteinander umgehen – mit oder ohne Gott. Wir dürfen nicht aufhören, miteinander zu sprechen, ganz gleich woran wir glauben oder was uns wichtig ist. Es gibt immer etwas, das Menschen verbindet, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint.

Literatur:

Anton Grabner-Haider: „Die verhagelten Kirchen – Der Wandel des religiösen Bewusstseins“, Neu-Isenburg: ALV 2025.

Grabner-Haider/Mynarek/Satter: „Das andere Christentum – Über eine neue Vielfalt der Religiosität“, Neu-Isenburg: ALV 2020.

Freimut Hauk: „Religion ohne Gott – oder Transzendenz in der Immanenz“, Neu-Isenburg: ALV 2017.

Christian Casutt: „Mut zur Glaubensfreiheit – Eine Anleitung in fünf Schritten“, Neu-Isenburg: ALV 2023.