von Silvana Uhlrich-Knoll |
Wer anderen Leid zufügt, stellt die eigenen Ziele über das Leben und die Würde anderer Menschen. Das gilt unabhängig davon, ob sich ein Täter auf eine Religion, eine Weltanschauung oder persönliche Motive beruft. Gründe für Gewalt scheinen sich dennoch im Namen von Überzeugungen zu häufen. Mit einem Absolutheitsanspruch glauben Täter, sie besitzen die einzige existierende Wahrheit. Durch Ab- bzw. Entwertung anderer Gruppen oder Personen werden diese als minderwertig oder feindlich angesehen. Im Gruppenzwang gefangen und in dem falsch verstandenen Halt in einer radikalen Gruppe drängt man eigene Zweifel zurück und auch in Strukturen von Macht und Kontrolle kann Gewalt dazu dienen, sich Einfluss zu sichern oder sich durchzusetzen.
Um Menschen nun vor solchen Eingriffen in ihre Würde und ihr Leben zu beschützen, gibt es festgeschriebene rechtliche und gesellschaftliche Folgen, die Straftätern drohen. Um all unsere Rechte zu schützen, gibt es Gesetze, die unsere Freiheit und körperliche Unversehrtheit schützen. Es gibt keinen Freibrief für jedwede Glaubensrichtungen noch politische Ideen, die Angriffe auf andere rechtfertigen. Und das wichtigste Gut von allen ist unsere eigene Verantwortung, die wir für unser Handeln übernehmen sollten. Denn wer Gewalt ausübt, egal ob physisch oder psychisch, muss dafür gerade stehen.
Doch die politische und aktuelle Lage in Deutschland lässt uns unruhig zurück. Ein IS zugeschriebener junger Mann gilt als mutmaßlicher Täter, das verheerende Attentat am Samstag Abend in Berlin durchgeführt zu haben. Für diese Wahrheit seiner Welt hat er Menschen tödlich verletzt und ist dafür am Ende selbst gestorben. Ein junger Mann im Wahn des Absolutheitsanspruchs, gefangen durch eigene Überzeugungen von Macht- und Gewaltstrukturen, die sich in seinem Leben manifestiert haben. Durchgeführt gegen eine Gruppe von Menschen, die friedlich das Leben, die Liebe und ihr höchstes Gut gefeiert haben – Mensch zu sein, ohne Zwang, Vorgaben oder Einschränkungen – und dieses Gut mit Gleichgesinnten zu zelebrieren.
Doch nicht jeder ist gewillt, diese Freiheit anzuerkennen und unsere freiheitlichen Glaubenssätze zu akzeptieren. Das Grundgesetz sagt aus, dass wir vor dem Gesetz alle gleich sind und dieselben Rechte innehaben. Diese Theorie betrachten wir als rechtliches Ideal, welches wir besitzen und versuchen zu beschützen. Doch leider sieht dieses Gleichheitsgesetz in der Praxis nicht für jeden gleich aus. Ein homosexueller Mann wird auf der Straße als „Schwuchtel“ beleidigt, ein Fußballspieler oder Spitzensportler muss sich im Männersport jahrelang überlegen, ob es klug ist, sich zu outen und was dadurch mit der eigenen Karriere passieren kann, ganz unabhängig von den sportlichen Leistungen. Ein Mensch mit einer dunklen Hautfarbe kann hier geboren und in zweiter, dritter Generation in Deutschland leben. Er kennt keine Heimat außer diese hier und wird dennoch als fremd angesehen, als nicht zugehörig betrachtet und vielleicht sogar feindselig begegnet. Wer sich politisch frei äußern möchte und das politische System kritisiert, wird mit Sätzen wie: „Dann geh doch dahin zurück, wo du herkommst!“ konfrontiert und in die Ecke der Diskussion gestellt, ohne Chance, diese ohne Angst wieder verlassen zu können.
Dass der Wunsch, hierher zukommen, darin bestand, endlich frei und uneingeschränkt leben zu können und dann in einem anderen politischen System gefangen zu sein, ergibt keine Freiheit, sondern ein aufgesetztes Lächeln, ein Unsichtbarkeitsgefühl und Stillhalten, dass man nicht als Feind, als Fremder, als Problem angesehen wird.
Wir sind privilegiert. Wir machen uns keinen Kopf, was es bedeutet, durch eine dunklere Hautfarbe, durch einen Akzent, durch ein bestimmtes Aussehen für viele Menschen zum Außenseiter zu werden, ohne dass sie uns überhaupt kennen bzw. kennenlernen wollen. Hier geht es weder um Bildungsgrad noch um Intelligenz oder um Sympathie. Hier geht es allein um äußere Zuschreibungen und Stereotypen, über ein erhabenes Gefühl über andere, besser zu sein und andere Menschen darüber abzuwerten.
Das kann im Job durch ein herabwürdigendes Benehmen gegenüber der Kollegin sein, das kann dem Mitschüler gegenüber passieren, weil er eine Brille trägt, das kann dem Nachbarn passieren, da er beim CSD mit seinem Freund gesehen wurde. Ich frage mich immer wieder, wieso wir denken, privilegiert zu sein? Wir Menschen? Wieso denken wir, wir wissen es besser, wir wissen mehr als andere und können somit über andere entscheiden? Unseren Kindern bringen wir bei, eigenständig zu laufen, Fahrrad zu fahren und sich Bildung anzueignen, um dann was? Um sie dann doch wieder politisch zu beeinflussen und zu manipulieren?
Dann habe ich ihnen nicht freies Denken beigebracht, sondern sie zu meinem Werkzeug erzogen, was meine Denkmuster weiterträgt und auch mich nicht in Frage stellen wird. Aber um was geht es hier? Um die eigene Anerkennung, das Gesehen-werden-Wollen, den Sinn des Lebens? Ja, man braucht Sympathisanten für die eigene Überzeugung, wenn ich Großes bewirken will. Man braucht Follower als Influencer, man braucht Fans als Popstar und ein richtig gutes Management, um seine Ideen zu veröffentlichen, zu publizieren und zu verbreiten.
Aber ist es nicht das Größte, miteinander zu leben, statt gegeneinander zu kämpfen, zu zerstören und Leid zuzufügen? Was muss passieren, damit wir unsere Demokratie, unsere Freiheit persönlich verteidigen? Ab wann übernehmen wir endlich das Privileg, Verantwortung für das zu übernehmen, was wir tun? Für die Worte des Hasses, die wir im Netz anonym verbreiten, für die Faust und die Schlagstöcke, die wir gegen Feindbilder einsetzen? Für die Gewalttaten, mit denen wir andere Menschen in den Tod reißen, um unsere Überzeugung zu rechtfertigen?
Demokratisch zu handeln, zu diskutieren und zu streiten und nichts aus Frust, Langeweile, Unwissenheit und Wut an andere zu verschenken, kann langfristig Sicherheiten bieten. Sich gegenseitig zuzuhören, sich ausreden zu lassen, ohne Aggression sich dem Gegenüber zu stellen und noch viel wichtiger – es auch aushalten zu können, dass man sich nicht einig wird: Das ist die hohe Kunst, die das Privileg haben sollte, in der Weltordnung zu bestehen. Das wäre definitiv nicht einfacher, aber es wäre auf Augenhöhe.

