Gerechtigkeit

Juli 29, 2025 | Blog | 0 Kommentare

von Dr. Volker Mueller | 29.07.2025

Es gilt als Errungenschaft der Französischen Revolution, dass persönliche Freiheit ein Menschenrecht ist und die zu ihrer Realisierung nötige Gleichberechtigung durch Brüderlichkeit bzw. Solidarverhalten und durch Rechtsstaatlichkeit gestützt werden muss, dass zur Gerechtigkeit also immer auch ein gewisses Maß an Gleichheit gehört. Bis heute aber ist dies umstritten. Rechtspositivisten in der Tradition von Thomas Hobbes meinen, Gesetze könnten jeden beliebigen Inhalt haben und diesbezügliche Entscheidungen seien politischer Natur. Wirtschaftsliberale fordern unter Berufung auf die Gesetze des freien Marktes den „Nachtwächterstaat“, der sich auf die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung beschränkt. Marxisten treten zwar für die Gewährleistung der materiellen Lebensbedingungen jedes Einzelnen ein, sehen darin aber keine Verwirklichung von Gerechtigkeit, sondern eine Bedingung der Aufhebung von Klassengegensätzen.

Gerechtigkeit galt und gilt auch als individuelle Tugend. Philosophenkönige sollten nach Platon - von der Idee des Guten geleitet - gerecht regieren; und auch nach Aristoteles sollte am besten eine gebildete kluge Aristokratie im Staat die Gesetze geben. Gleichzeitig aber findet man schon bei ihm die Gedanken einer Begrenzung der Macht der Regierung und einer Ausbalancierung der Interessen der verschiedenen Schichten und Gruppen im Staat. Berühmt ist heute die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika für die in ihr institutionalisierten Checks und Balances. Das materielle Auskommen aber ist dieser Verfassung nach ebenso Sache des Einzelnen wie sein Glück. Bestenfalls die ihn einschließenden natürlichen Lebensgemeinschaften wie seine Familie oder seine Gemeinde könnten nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit verpflichtet sein, ihm zu helfen.

In der französischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts finden wir vielfältige Debatten - gerade bei Enzyklopädisten - über Gerechtigkeit und Recht, die die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Solidarität philosophisch, kulturell und politisch vorbereiten. Denis Diderot schreibt 1763 in seinen „Kontroversen mit einem Theologen“, dass Gerechtigkeit die „getreue Einhaltung der getroffenen Vereinbarungen (bedeutet). Die Gerechtigkeit kann nicht in diesen oder jenen bestimmten Handlungen bestehen, da die Art von Handlungen, die man gerecht nennt, von Land zu Land wechselt, da also das, was in dem einen gerecht, in dem anderen ungerecht ist. Gerechtigkeit kann also nichts anderes bedeuten als Befolgung der Gesetze.“ /1/ Und 1773/1774 betont er in der „Fortlaufenden Widerlegung von Helvetius‘ Werk ‚Vom Menschen‘“, dass uns Gesetze keine Begriffe der Gerechtigkeit vermitteln, sondern sie voraussetzen. /2/ Im weiteren führt Diderot aus, dass die ersten Gesetze aus dem „gemeinsamen Interesse aller, nicht aber aus einer Idee von der Gerechtigkeit“ hervorgegangen sind. Wie aber solle dieses Interesse, so fragt Diderot, zur Übereinstimmung der Einzelwillen geführt haben? Gerechtigkeit führe zu einem zu erkennenden gegenseitigen Verhältnis, miteinander gerecht zu sein, worüber es sodann zu Vereinbarungen kommen solle. /3/

Die Idee des Sozialstaates, der dem Einzelnen das Existenzminimum garantieren soll, ist relativ neu. Auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist das Recht darauf nicht ausdrücklich formuliert, sondern ergibt sich nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts aus der staatlichen Pflicht zum Schutz der Menschenwürde nach Artikel 1 GG.

Die Shell Jugendstudie 2024 weist darauf hin, dass sich junge Menschen in Deutschland, in Ost und West - bei aller Pragmatik und einem gewissen Optimismus - von Gerechtigkeit, vor allem von sozialer Ungerechtigkeit betroffen fühlen. Ungerechtigkeit gehöre zu den 6 Lebensbereichen, die ihnen am meisten Angst machen. /4/  

Hinzugekommen ist in den letzten Jahren die Aufarbeitung kulturgeschichtlich tradierter Formen der Diskriminierung, nämlich das Streben nach geschlechtlicher Emanzipation und Selbstbestimmung, nach Respektierung der kulturellen und damit auch sprachlichen Eigenarten, der sozialen Herkunft, der individuellen Leistungsfähigkeit und des Bildungsstandes. Globale Entwicklungen in der Gegenwart führen zu neuen Anforderungen an die Politik und den Staat, aber auch zu einer neuen Individualethik. Zur Beachtung der Ansprüche auf Gleichbehandlung und Gleichstellung und zu einem gerechteren Verhalten sind wir alle aufgefordert. Führen sie jedoch zu Gerechtigkeit im Zusammenleben der Menschen? Die Unübersichtlichkeit der Anforderungen hat dem ethischen Diskurs eine unbekannte Schärfe gegeben und teils zu einem seinerseits diskriminierenden Moralisieren geführt. Befinden wir uns in einem Aufbruch zwischen Moral und Diskriminierung? /5/

Was ist gerecht und was ungerecht? Was kann der Einzelne in emanzipatorischer Absicht legitim von der Gesellschaft fordern, und was davon lässt sich eindeutig formulieren und politisch durchsetzen? Was ist illusorisch? Inwieweit ist der Einzelne zum Entgegenkommen und damit auch zum Interessensverzicht verpflichtet? Wann ist es angezeigt, Erfolg und Glück in den Händen des Betroffenen zu lassen und von Regelungen oder Konventionen Abstand zu nehmen?

Daseins- und Wertefragen unseres menschlichen Miteinanders in Freiheit stehen im Vordergrund.

Die Freie Akademie hat zu dieser Thematik 2025 ihre wissenschaftliche Jahrestagung gestaltet. Im Band 44 der Schriftenreihe der Freien Akademie werden die Ergebnisse publiziert werden.

Literatur:

/1/ Denis Diderot: Kontroversen mit einem Theologen. In: Ders.: Philosophische Schriften. Band 1. Berlin 1961. S. 493.

/2/ Denis Diderot: Fortlaufende Widerlegung von Helvetius‘ Werk „Vom Menschen“. In: Ders.: Philosophische Schriften. Band 2. Berlin 1961. S. 88.

/3/ Ebd. S. 130.

/4/ Shell Deutschland  (Hg.): Jugend 2024. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt. Weinheim 2024. S. 49.

/5/ Otfried Höffe: Gerechtigkeit. Eine philosophische Einführung. München 2021.