Gegenwärtige Tendenzen und Probleme der freigeistigen Bewegung

Juli 15, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Dr. Volker Mueller |

Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e. V. (DFW) ist ein Zusammenschluss von freien Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in der Bundesrepublik Deutschland. Der 1991 aus dem 1949 gegründeten Deutschen Volksbund für Geistesfreiheit hervorgegangene DFW tritt für die Verwirklichung der in Artikel 4 GG garantierten Freiheit des Glaubens, des Gewissens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses ein. Er erhebt den Anspruch, die besonderen weltanschaulichen, sozialen und kulturellen Interessen der dem säkularen Humanismus verbundenen kirchenfreien Menschen zu vertreten. Dabei entwickeln seine Mitgliedsverbände entsprechende kulturelle, soziale Projekte und gemeinnützige Einrichtungen.

Der DFW steht als Vertreter freigeistiger, d.h. freireligiöser, freidenkerischer, freier humanistischer und unitarischer Menschen ein für Humanismus, Toleranz und Menschenwürde. Er setzt sich für die Durchsetzung und Sicherung der Menschenrechte, für ein friedliches Zusammenleben der Menschen unabhängig von ihren religiösen, weltanschaulichen und politischen Anschauungen, ihrer Herkunft, ihrer Lebensauffassung und ihres Geschlechts und für die Gleichstellung aller Menschen ein.

Die Auffassung, dass Werte und Normen eines Gemeinwesens nur bei Wahrung der Würde jedes Einzelnen im Dialog vereinbart werden können, bestimmt das gesellschaftspolitische Wirken des DFW. Intolerante Ideologien, Dogmen, rassistische und völkische Denk- und Verhaltensweisen, autoritäre Strukturen sowie Gewaltanwendung und -androhung stehen im Widerspruch hierzu. Der DFW ist parteipolitisch unabhängig sowie tritt für die Trennung von Staat und Kirche und die Gleichstellung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ein.

Als die Gründungsväter des damaligen Deutschen Volksbundes für Geistesfreiheit am 8. Oktober 1949 in Wiesbaden zusammengekommen sind, um einen gemeinsamen Verband zu gründen, spielten gewiss mehrere Überlegungen eine Rolle: Die Erfahrungen aus der Zwangsherrschaft und Hitler-Diktatur, aus Krieg und Not haben die überlebenden Menschen tief gezeichnet und ihre Lebensgrundlagen drastisch verändert. Weltanschauungen gingen zu Bruch, ethische Lebensvorstellungen galt es, neu zu gewinnen. Die Kirche hatte sich als unzureichende moralische Instanz erwiesen, versuchte aber nach dem Zweiten Weltkrieg, sich alte und neue Privilegien in der Bundesrepublik zu sichern.

Wir sehen den tiefen Bruch in der freigeistigen Bewegung, die 1933 durch den Nationalsozialismus zerschlagen wurde. Viele Freidenker, Freireligiöse und Freigeister fielen den Nazis zum Opfer, litten oder emigrierten. Die Vorgängerin, die „Reichsarbeitsgemeinschaft freigeistiger Verbände der deutschen Republik“ konnte während der Weimarer Republik eine umfassende Aktivität entfalten; sie vertrat über eine Million Mitglieder. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war auch die Bildung des „Weimarer Kartells“ ein erfolgreicher Versuch, die freigeistigen Kräfte in Deutschland zu bündeln, einer Zersplitterung entgegenzuwirken und gemeinsame Interessen zu formulieren und umzusetzen. Somit steht unser heutiger Dachverband in einer klaren direkten Traditionslinie demokratischer freigeistiger Interessenzusammenschlüsse, die trotz aller Individualität und gelegentlichen Zersplitterung der angemessene selbstbestimmte Weg für Vereinigungen und Körperschaften kirchenfreier Menschen zu sein scheint.

Hauptanliegen damals wie heute ist, mit einer Stimme gemeinsam nach außen aufzutreten, vor allem in den gesellschaftspolitischen Bereichen und den Medien. Die Akzeptanz der Identität des Anderen, seiner Sichtweisen, Traditionen und verbandseigenen Verfahrensweisen ist der Garant dafür, dass dieser Dachverband seine Aufgaben erfüllen kann. Diese Akzeptanz müssen wir immer wieder erringen. Dabei darf nicht ausgeschlossen sein, dass man sich in der Sache kritisiert oder unterschiedliche Positionen innerhalb des Dachverbandes duldet und erträgt und nicht gleich den Grundkonsens im DFW infragestellt. Toleranz und freies Denken und Handeln sind zunächst unter den freigeistigen Vereinigungen selbst nötig, um glaubwürdig unsere Forderungen öffentlich zu vertreten.

Als ideelle Basis im DFW konnten wir erkennen, dass wir keine übernatürlichen Kräfte sehen und benötigen, um sich die Zusammenhänge der Welt und des Zusammenlebens der Menschen in der Natur zu erklären. Denken, Geist und Glaube haben für uns keine Tabus und Vorurteile, keine Dogmen, vor allem keine religiösen Dogmen. Daher sprechen wir auch von freier Geistigkeit und mit Recht von Menschenwürde.

Die Trennung von Staat und Kirche und von Kirche und Schule, wie sie schon im Mai 1949 im Gründungsaufruf vom Klüt bei Hameln als Forderung enthalten ist, reicht weit zurück in die Anfänge unserer Bewegung, in die Aufklärung und in die freireligiösen Bestrebungen der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Eine Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens, keine Privilegierung nur einer weltanschaulichen Richtung wie dem Christentum in Deutschland, die Gleichstellung und Gleichbehandlung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften , insbesondere der Schutz weltanschaulicher und ethischer Minderheiten, standen und stehen im Vordergrund. Dabei richten wir uns gegen fundamentalistische und sektenartige Entwicklungen sowie gegen den Alleinvertretungsanspruch der beiden christlichen Kirchen, alleinige moralische Instanz in der Gesellschaft zu sein. Freidenker, Atheisten, Agnostiker, Monisten, Freireligiöse, Unitarier und andere hätten wohl keine Ethik, hätten keine Werte und humanistische Verhaltensweisen?

Die Wahrung der Menschenwürde und die Einhaltung der Menschenrechte erhalten in der Gegenwart ein größeres Gewicht für die Arbeit des DFW. Dies betrifft Fragen von Krieg und Frieden ebenso. Doch auch innere Probleme in der Bundesrepublik, die mit Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus oder weltanschaulicher Intoleranz verbunden sind, haben verstärkt unsere Aufmerksamkeit.

Der DFW kann nur koordinieren, initiieren und anregen sowie auf politische Rahmenbedingungen einwirken. Er kann intensive Kontakte zu den demokratischen politischen Parteien und staatlichen Institutionen pflegen. Letztlich sind jedoch das Engagement und der Willen der Mitgliedsverbände für die Kraft des DFW entscheidend.

Der DFW ist eine gemeinnützige Nichtregierungsorganisation, die sich für die Verwirklichung der im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland fixierten Grundrechte und Freiheiten der Menschen und für die UNO-Menschenrechtskonvention einsetzt. Die Freiheit des Gewissens, des Glaubens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses ist für uns von herausragender Bedeutung für die Menschenwürde und die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Dabei wollen wir uns stärker in Europa und international einordnen, denn wir sind als freigeistig-humanistisch eingestellte Menschen im tiefsten Sinne Weltbürger.

Insgesamt haben wir die Aufgabe, mehr Angebote für eine ethische Lebensorientierung zu entwickeln. Dies gilt für die gesamte Bundesrepublik. Wir haben dies nicht den christlichen Kirchen allein zu überlassen. Dabei geht es ebenfalls um die Hilfe für Menschen in Notlagen und schwierigen Lebenssituationen, auch in Gefängnissen, Krankenhäusern, Heimen und beim Militär.

So effektiv, wie wir uns für die sozialen und kulturellen Fragen der Menschen vor Ort und überregional einsetzen, so wirksam und anerkannt wird unsere verbandliche Arbeit für Geistesfreiheit und Humanismus insgesamt sein. Treten wir auch weiterhin für freigeistige Lebensauffassungen ein oder – wie es der erste Präsident des Dachverbandes Gerhard von Frankenberg 1949 sagte – für die „Erhaltung der Glaubens- und Gewissensfreiheit“, da wir „.... nur in freier Entfaltung der sittlichen Persönlichkeit wahre Menschenwürde und sinnvolle Lebenserfüllung für möglich halten“. 

Gerade die Vertretung der kulturellen, sozialen und politischen Interessen kirchenfreier Menschen und das Eintreten für einen säkularen Humanismus und die Sicherung der Menschenrechte führt die Mitgliedsverbände des DFW immer wieder zu gleichen Grundpositionen und zu gemeinsamem Handeln. Wichtig erscheint uns weiterhin die Wahrung der Identität jedes Verbandes und eines toleranten Miteinanders zwischen unseren freigeistigen Organisationen, das auch manches Tabu gelegentlich aufbricht, um in der Sache weiterzukommen.

Auch hat sich unsere Bündnisarbeit mit anderen, dem DFW nicht angehörenden Verbänden verbessert, sodass so mancher auch über Schatten der Vergangenheit oder des Vereinsdünkels gesprungen ist.

Machen wir uns aber nichts vor: Konflikte sind auch im DFW, d.h. zwischen den Mitgliedsverbänden vorhanden und noch zu lösen. Sie stellen sich in der verfassungsrechtlich konsequenten Trennung von Staat und Kirchen, der Gleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in der Bundesrepublik, der Wahrung der kulturellen und sozialen Bedürfnisse der kirchenfreien Menschen wie der Jugendweihe/Jugendfeier, der Bildungs- und Schulpolitik und der Medien dar. Dabei ist es für den DFW von existentieller Bedeutung, sich kompetent in die Politik und in demokratische Entscheidungsprozesse einzubringen.

Was sind die Schwerpunkte der inhaltlichen Arbeit des DFW als einer freigeistigen Dachorganisation freier selbstständiger Verbände, die eine eigene Identität und Tradition besitzen und mit Recht auf ihre Freiheitsrechte und weltanschauliche Selbstbestimmung wert legen? Es haben sich in den letzten Jahren folgende Schwerpunkte herauskristallisiert:

1.         Unsere Menschenrechtspolitik konzentriert sich auf die in der UNO vertretenen Menschenrechte, den Internationalen Strafgerichtshof, die Europäische Grundrechtscharta. Grundfragen von Krieg und Frieden stehen im Vordergrund. Wir wenden uns gegen Terrorismus und Fanatismus.

2.         Bildung und Schule: Unterstützen wir einen integrativen Unterricht für alle in allen Bundesländern. Dazu gehören das Infragestellen des konfessionellen Religionsunterrichts an den staatlichen Schulen und die Unterstützung von freiwilligen Unterrichtsangeboten von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.

3.         Verhältnis von Staat und Kirche und die Gleichbehandlung aller Weltanschauungen: für eine laizistische Bundesrepublik Deutschland, wie für ein entsprechendes Europa.

4.         Ethische und kulturelle Interessen: Werte- und Toleranzerziehung; Bioethik; Humanes Sterben und Sterbehilfe; Trauerhilfen; Jugendfeier/Jugendweihe als berechtigte Kulturinteressen kirchenfreier Menschen.

Die internationale Zusammenarbeit des DFW hat sich erfolgreich ausgeweitet. Wir sind auf internationalen Veranstaltungen und Kundgebungen aktiv aufgetreten. Der DFW ist Mitglied der Humanists International und pflegt gute Kontakte zur International Association of Free Thought.

Für eine Globalisierung der Werte werden folgende Bedingungen als maßgebend angesehen: Die Errungenschaften der europäischen Aufklärung, charakterisiert durch die allgemeinen Menschenrechte, das Prinzip der Gewaltenteilung, persönliche Selbstbestimmung und Toleranz sind vorbildlich für die Weltgemeinschaft – nicht weil sie aus Europa kommen, sondern weil sich diese Grundsätze im Zusammenleben der Menschen und Völker bewährt haben und weil sie offen für künftige Reformen sind.

Eine Ethik, die Grundlage des Zusammenwirkens aller Menschen und Nationen ist, muss säkular ausgerichtet sein, denn jede religiös orientierte Ethik ist Ausfluss ihrer jeweiligen Glaubenslehre und daher nur für die Mitglieder der jeweiligen Religionsgemeinschaft verbindlich.

Auf dem demokratischen Weg zu den vereinten Staaten von Europa ist das Nahziel, ein funktions- und konfliktlösungsfähiges Europa in Vielfalt zu schaffen. Dabei besteht Konsens über die federführende Zuordnung von Aufgaben zu Verantwortungsebenen. Gleichzeitig sind die Vereinten Nationen, die UNO entscheidend zu stärken und zu stabilisieren. Der DFW unterstützt daher die Stärkung eines Völkerrechtssystems gegenüber den nationalpolitischen und weltwirtschaftlichen Mächten.

Wir benötigen Strukturen, um unsere freigeistigen und humanistischen Kräfte zu bündeln, über den DFW hinaus. Nachdem die sog. Sichtungskommission und der Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO) gescheitert sind, suchen wir neue Formen und Schwerpunkte für den Austausch der Verbände in der Bundesrepublik Deutschland. Der sog. Zentralrat der Konfessionsfreien vertritt nur einen Teil der säkularen Bewegung und pflegt einen Alleinvertretungsanspruch. Wichtig ist schon, sich nicht zu bekämpfen, sondern sachlich miteinander umzugehen und punktuell zusammen zu arbeiten. Auch mit anderen verwandten Verbänden gibt es bessere und vertrauensvollere Abstimmungen.

Das Tätigkeitsspektrum des DFW ist breiter und solider geworden. Wir vermeiden nicht mehr, Unterschiede zwischen den Verbänden zu diskutieren und "auszuhalten". Das Gemeinsame motiviert zu aktivem Miteinander. Offenheit, mutiger Einsatz und Respekt voreinander sind Maßgaben, die uns die Gründungsväter des Dachverbandes vor über 75 Jahren aufgegeben haben.

Unsere Vereinigungen vertreten undogmatische Lebensauffassungen, die auf den Menschenrechten basieren und diese umzusetzen wie zu schützen trachten. So sind wir der Auffassung, dass sich Menschen ihren Sinn des Lebens – im Rahmen ihrer jeweiligen Kultur – selbst geben und keine irrationalen oder übernatürlichen Mächte für ihre Welterklärung benötigen. Wir stehen in den freigeistigen Traditionen der Aufklärung sowie der atheistischen, freireligiösen, freidenkerischen und humanistischen Bewegungen des 19. bis 21. Jahrhunderts.

Die organisatorischen Strukturen der freigeistig-humanistischen Bewegung in Deutschland (und ihre Einbindung in internationaler Zusammenarbeit) sind weiter zu reformieren. Bündnisse und Kooperation sind und bleiben der Weg, der zu Erfolg führen kann. Den Zersplitterungen ist entgegenzuwirken. Mehr Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik sind für die Mitarbeit zu gewinnen. Die materielle Basis der freigeistig-humanistischen Arbeit ist zu erweitern. Wir benötigen klare theoretische Aussagen, eindeutige ethische Positionen und eine effektive und verständliche Öffentlichkeitsarbeit. Wir müssen die Medien flexibel nutzen sowie Sendezeiten im Rundfunk und Sitze in den Rundfunkräten erringen und ausfüllen.

Die Bewegung, die sich säkular-humanistisch und freigeistig versteht, hat die brennenden Fragen der Zeit aufzugreifen und Antworten wirkungsvoll anzubieten. Zu den wichtigsten Themen gehören meines Erachtens:

         Verantwortung für die Mitmenschen, deren Rechte und Freiheiten und die Natur und Umwelt

         sittliche Werte: Wahrhaftigkeit, Solidarität, Toleranz, Freiheit, informationelle    Selbstbestimmung

         Friedenserhalt bzw. -schaffung, nichtmilitärische Konfliktlösungen

         Gleichberechtigung von Frau und Mann - Selbstbestimmung der Frau contra § 218;             gleichgeschlechtliche Partnerschaften

         strikte Trennung von Kirche und Staat und Entkonfessionalisierung der Schule

         menschenwürdige Lösungen im unzureichenden Asyl- und Staatsbürgerschaftsrecht in   Deutschland (gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt)

         Gentechnologie und Bioethik

         neue religiöse und weltanschauliche Bewegungen, sog. Psychokulte, Okkultismus und Satanismus, Aufklärung vor Missbrauch der Gewissens- und Religionsfreiheit

         Sterbehilfe und humanes Sterben

Unser Programm für Geistesfreiheit, Menschenrechte und dogmenfreie Lebensgestaltungen ist modern und gemeinsam zu gestalten.