von Dr. Volker Mueller | 08.04.2026
Wie setzen wir freigeistig-humanistische Grundpositionen und Aktivitäten zur Sicherung und Durchsetzung der Menschenwürde und Menschenrechte in der Welt um? Sind Frieden, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit heute durchsetzbar? Welche Verantwortung tragen dafür jeder Einzelne und die kirchenfreien Vereinigungen? Worin bestehen die Chancen, Gefahren und Grenzen der gegenwärtigen Globalisierungsprozesse? Wie können wir u.a. die Rolle der UNO oder der Europäischen Union stärken? Wie verhalten sich Staat und Religionen zueinander? Freiheit, friedliches und tolerantes Miteinander in einer pluralistischen Welt sowie die universellen Menschenrechte gehören zum Grundanliegen der politischen Arbeit des Dachverbandes Freier Weltanschauungsgemeinschaften.
Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e. V. (DFW) ist ein Zusammenschluss von freien Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in der Bundesrepublik Deutschland. Der 1991 aus dem 1949 gegründeten Deutschen Volksbund für Geistesfreiheit hervorgegangene DFW tritt für die Verwirklichung der in Artikel 4 GG garantierten Freiheit des Glaubens, des Gewissens und des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses ein. Er erhebt den Anspruch, die besonderen weltanschaulichen, sozialen und kulturellen Interessen der dem säkularen Humanismus verbundenen kirchenfreien Menschen zu vertreten. Dabei entwickeln seine Mitgliedsverbände entsprechende kulturelle Angebote (z.B. Jugendweihe/ Jugendfeier, andere Lebensfeiern, Trauerhilfen), soziale Projekte und gemeinnützige Einrichtungen.
Der DFW steht als Vertreter freigeistiger, d.h. freireligiöser, freidenkerischer, freier humanistischer und unitarischer Menschen ein für Humanismus, Toleranz und Menschenwürde. Er setzt sich für die Durchsetzung und Sicherung der Menschenrechte, für ein friedliches Zusammenleben der Menschen unabhängig von ihren religiösen, weltanschaulichen und politischen Anschauungen, ihrer Herkunft, ihrer Lebensauffassung und ihres Geschlechts und für die Gleichstellung aller Menschen ein.
Die Auffassung, dass Werte und Normen eines Gemeinwesens nur bei Wahrung der Würde jedes Einzelnen im Dialog vereinbart werden können, bestimmt das gesellschaftspolitische Wirken des DFW. Intolerante Ideologien, Dogmen, rassistische und völkische Denk- und Verhaltensweisen, autoritäre Strukturen sowie Gewaltanwendung und -androhung stehen im Widerspruch hierzu. Der DFW ist parteipolitisch unabhängig. Er tritt für die Trennung von Staat und Kirche und die Gleichstellung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ein.
Gerade die Vertretung der kulturellen, sozialen und politischen Interessen kirchenfreier Menschen und das Eintreten für einen säkularen Humanismus und die Sicherung der Menschenrechte führen die Mitgliedsverbände des DFW immer wieder zu gleichen Grundpositionen und zu gemeinsamen Handeln. Wichtig erscheint uns weiterhin die Wahrung der Identität jedes Verbandes und eines toleranten Miteinanders zwischen unseren freigeistigen Organisationen, das auch manches Tabu gelegentlich aufbricht, um in der Sache weiterzukommen. Dabei ist es für den DFW von existentieller Bedeutung, mit einer Stimme nach außen aufzutreten und sich kompetent in die Politik und in demokratische Entscheidungsprozesse einzubringen.
Das "globale Dorf", in dem wir leben, führt alle Teile der Erde, die Mehrheit der Menschen durch die Medien und die Verkehrsmöglichkeiten näher zueinander. Es werden aber schon seit geraumer Zeit auch Probleme sichtbar, die mehr oder weniger alle berühren und die nicht mehr nur lokal begrenzt sind. Auch sie führen uns zusammen. Wir stehen vor der Situation, Sichtweisen zu entwickeln, die die Zusammenhänge, das Ganze erfassen. Bisheriges ist genauer zu hinterfragen, bisher gültige Erkenntnisse und Urteile sind kritisch zu beleuchten. Wir beginnen schon seit einigen Jahren, wirklich umzudenken und die globalen Probleme in qualitativ neuen Dimensionen zu verstehen - und vor allem neue Herangehensweisen an unser Leben und die Zukunft zu entwickeln.
Auch in unseren freigeistigen Vereinigungen diskutieren wir über eine Identitätswende im menschlichen Zusammenleben und die damit verbundene weltgeschichtliche Epoche tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Weltbürgerliches Bewusstsein entsteht als Voraussetzung für den homo humanus.
Im 21. Jahrhunderts erfährt die Weltbürgerlichkeit angesichts der Globalisierungsprozesse eine neue Qualität. Es entstehen Probleme, die sich nicht mehr national oder kontinental lösen lassen. Es entwickelt sich eine neue Verantwortung für uns Menschen, die nur aufgrund eines weltbürgerlichen Bewusstseins erfasst und getragen werden kann.
Ich sehe hier vor allem folgende wesentliche Gesichtspunkte, die ich globale Probleme nenne:
1. Der Umgang mit der Möglichkeit, die Erde vollständig zu vernichten und mit den Massenvernichtungswaffen alles Leben auf unserem Planeten zu zerstören, bleibt ein Kardinalproblem. Der Frieden ist nur weltweit auf Dauer sicherbar und mit dem elementaren Recht auf Leben direkt verbunden. Krieg muss gebannt werden.
2. Die Zerstörung der Natur und unserer Umwelt nimmt weiter zu. Trotz vieler Initiativen und eines allmählichen Umdenkens ist eine reale Wende zu ökologischer Sicherheit und zum weltweiten ökologischen Umbau der Industriegesellschaft und Wirtschaftordnung nicht in Sicht.
3. Globale soziale Widersprüche durch Unterentwicklung und Ausbeutung eines großen Teils der Erdbevölkerung führen zu Hunger, Elend und Tod, zu Armut und Existenzängsten. Rezessive Prozesse in der Weltwirtschaft und die Ungleichheiten in der Weltwirtschaftsordnung haben zur allgemeinen Krise der Arbeitsgesellschaft geführt.
Was ist zu tun? Noch zu wenig werden politikrelevante Strukturen verändert, die diese globalen Probleme einer Lösung zur Bewahrung der menschlichen Kultur und der Natur zuführen können. Ökonomische Macht agiert undemokratisch. Fraglich wird ein auf Arbeit beruhendes Gemeinwesen, wenn es stark mit der Entwicklung von Destruktivkräften verbunden wird. Fraglich wird der Mensch, der seine durch Tätigkeit geschaffene Kultur und seine gesamte Existenz vernichten kann und schon vernichtet. Fraglich ist eine Ethik, die friedliche, ökologische Arbeitstätigkeit und darauf bauende humanistische Werte nicht bejaht, schützt und fortführt. Fraglich wird eine kosmopolitische Utopie, die ohne den für das Gemeinwesen tätigen Menschen keinen Sinn mehr macht.
Es ist deutlich, dass nur mit einem ganzheitlichen Herangehen, mit weltbürgerlichem Bewusstsein die globalen Probleme lösbar sind. Nur eine globale Verantwortung, die entsteht aus der Verantwortung aller Menschen, wenigstens seiner großen Mehrheit, führt zu grundlegenden Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Ethik. Doch wir dürfen nicht warten, bis sich im Großen etwas tut, uns herausreden, dass wir als Einzelne nichts tun können, denn im millionenfachen Kleinen beginnt die Wende, die zugleich eine Identitätswende für die Menschheit sein kann.
Wie verstehen wir uns selbst? Welche Identität ist der Hintergrund unserer menschenrechtspolitischen Aktivitäten? Unsere Vereinigungen vertreten undogmatische Lebensauffassungen, die auf den Menschenrechten basieren und diese umzusetzen wie zu schützen trachten. Dies hat Konsequenzen! So sind wir der Auffassung, dass sich Menschen ihren Sinn des Lebens – im Rahmen ihrer jeweiligen Kultur – selbst geben und keine irrationalen oder übernatürlichen Mächte für ihre Welterklärung benötigen. Wir stehen in den freigeistigen Traditionen der Aufklärung sowie der atheistischen, freireligiösen, freidenkerischen und humanistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Unsere freien Religionen und Weltanschauungen leben davon, dass sie auf verschiedene Zugänge und Quellen bauen und Verbindung zu den Wissenschaften halten. Wir haben keinen Bezug zu monotheistischen Religionen und lehnen das Staatskirchentum und den Monopolanspruch der christlichen Kirchen ab. Uns verbindet, dass wir geistige und soziale Lebenshilfen über unsere Vereinigungen hinaus anbieten und als Kultur- und Interessenorganisationen parteipolitisch neutral sind. Wir treten für die Gleichbehandlung aller Weltanschauungen und Religionen in Staat und Gesellschaft ein, soweit diese keinen Absolutheitsanspruch erheben und ihre Ansichten nicht auf undemokratische Weise durchsetzen möchten.
Die organisatorischen Strukturen der freigeistig-humanistischen Bewegung in Deutschland (und ihre Einbindung in internationale Zusammenarbeit) sind weiter zu reformieren. Bündnisse und Kooperation sind und bleiben der Weg, der zu Erfolg führen kann. Den Zersplitterungen ist entgegenzuwirken. Mehr Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik sind für die Mitarbeit zu gewinnen. Die materielle Basis der freigeistig-humanistischen Arbeit ist zu erweitern. Wir benötigen klare theoretische Aussagen, eindeutige ethische Positionen und eine effektive und verständliche Öffentlichkeitsarbeit. Wir müssen die Medien flexibel nutzen sowie Sendezeiten im Rundfunk und Sitze in den Rundfunkräten erringen und ausfüllen.
Die Bewegung, die sich säkular humanistisch und freigeistig versteht, hat die brennenden Fragen der Zeit aufzugreifen und Antworten wirkungsvoll anzubieten. Zu den wichtigsten Themen gehören m.E.:
globale Verantwortung für den Mitmenschen, deren Rechte und Freiheiten und die Natur und Umwelt
sittliche Werte: Wahrhaftigkeit, Solidarität, Toleranz, Freiheit, informationelle Selbstbestimmung
Friedenserhalt bzw. -schaffung, nichtmilitärische Konfliktlösungen
Gleichberechtigung von Frau und Mann - Selbstbestimmung der Frau contra § 218; gleichgeschlechtliche Partnerschaften
strikte Trennung von Kirche und Staat und Entkonfessionalisierung der Schule
menschenwürdige Lösungen im unzureichenden Asyl- und Staatsbürgerschaftsrecht in Deutschland (gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt)
Gentechnologie und Bioethik
neue religiöse und weltanschauliche Bewegungen, sog. Sekten und Psychogruppen, Okkultismus und Satanismus, Aufklärung vor Missbrauch der Gewissens- und Religionsfreiheit
Sterbehilfe und humanes Sterben
Die Globalisierung, die Europäische Vereinigung und das Zusammenwachsen der beiden deutschen Teile sind Anlass, uns der zukünftigen Wege des gemeinschaftlichen Lebens und Wirtschaftens im eigenen Land und im Verhältnis zu anderen Staaten und Völkern bewusst zu werden und zu vergewissern. Unser Streben nach Glück hat nur Würde, wenn es nicht auf dem Unglück anderer aufbaut. Unser Streben nach Würde muss die anderen als Gleiche anerkennen.
Unser Programm für Geistesfreiheit, Menschenrechte und dogmenfreie Lebensgestaltungen ist nicht veraltet. Es ist Ausdruck Neuen Denkens und setzt aufklärerisches Denken fort. Aufklärerisches Neues Denken verbindet sich mit weltbürgerlicher Identität, Geistesfreiheit und Menschenrechten. Wir sind eine nicht mehr ruhende Einmischung in die Verwirklichung der Bürger- und Menschenrechte weltweit, wo immer sie verletzt werden - sei es im Inland oder im Ausland, sei es in der Gegenwart oder in der Zukunft.
Literaturquellen:
1. Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Hg. v. DFW. Hefte 1 bis 33. Pinneberg, später Neustadt und Neu-Isenburg, 1992 ff.
2. Helmut Steuerwald: Kritische Geschichte der Religionen und freien Weltanschauungen. Neustadt 1999.
3. Horst Groschopp: Dissidenten. Berlin 1997.
4. 50 Jahre für Geistesfreiheit, Humanismus und Menschenrechte. Festschrift. Hg. v. DFW. Pinneberg 2000.
5. Was glauben Sie eigentlich? Hg. v. d. Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft. Hamburg/ Ravensburg 2000.
6. Jörg Albertz (Hg.): Staat und Kirche im werdenden Europa. Band 22 der Schriftenreihe der Freien Akademie. Berlin 2003.
7. Volker Mueller: Ideelle Basis undogmatischer Lebensauffassungen. In: Humanismusperspektiven. Aschaffenburg 2010.
8. Volker Mueller: Frieden ohne Moral und Recht? – Zum Verhältnis von Krieg und Frieden in Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden. In: Dominik Becher & Alexandra Bär (Hg.): Krieg und Frieden. Eine Beitragssammlung. Leipzig 2017.
9. Volker Mueller: Dachverband zur Bündelung der freigeistigen und säkular-humanistischen Kräfte. In: Wege ohne Dogma. Mannheim 2021. Heft 11, November 2021. S. 232 - 235.

