Frieden und Ethik im menschlichen Zusammenleben

Jan. 1, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Dr. Volker Mueller | 01.01.2026

Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben und das Recht auf Menschenwürde. Unser Recht auf Leben zu bewahren und durchzusetzen, ist eine wesentliche gesellschaftliche und ethische Aufgabe. In den letzten 100 Jahren gab es allerdings Krieg, heiße Kriege und den Kalten Krieg. Jeder Krieg stellt das Recht auf Leben durch Gewalt gegen andere Menschen (und die Natur) und durch militärische Mittel grundlegend infrage. Die Friedensbewegungen der letzten Jahrzehnte haben diese Sachverhalte als Grundlage ihrer Aktivitäten, haben aber eher geringe Erfolge im 20. und 21. Jahrhundert.

Schon im 18. Jahrhundert wurden Ursachen für Krieg und Frieden erörtert, Kriegswirkungen dargestellt und Friedensanstrengungen entwickelt. In der  „Encyclopédie“ lesen wir unter dem Stichwort „Krieg – Guerre“: „Der Krieg ist … ein Streit zwischen Herrschern, der mit Hilfe der Waffen ausgetragen wird. Von unseren Urvätern haben wir ihn übernommen; seit der Kindheit der Welt ist es zu Kriegen gekommen. Er herrschte in allen Jahrhunderten, selbst auf den schwächsten Grundlagen; man sah ihn immer die Welt verwüsten, den Familien die Erben rauben, die Staaten mit Witwen und Waisen füllen. Ein beklagenswertes, doch alltägliches Unglück! Zu allen Zeiten haben die Menschen aus Ehrgeiz, Habgier, Missgunst, Bosheit einander ausgeplündert, verbrannt und umgebracht. Um dies auf sinnvollere Weise zu tun, haben sie Regeln und Prinzipien erfunden, die man Kriegskunst nennt, und von der Anwendung dieser Regeln Ehre, Adel und Ruhm abhängig gemacht … .“  /1/ „Die Gesetze, sagt man, haben im Waffenlärm zu schweigen. Ich antworte darauf: Wenn die Zivilgesetze und die Gesetze der Sondergerichte eines jeden Staates, die nur in Friedenszeiten Gültigkeit haben, auch im Krieg schweigen, so gilt das doch nicht für die ewigen Gesetze, die für alle Zeiten und alle Völker bestimmt und in die Natur geschrieben sind; aber der Krieg erstickt die Stimme der Natur, der Gerechtigkeit, der Religion und der Menschlichkeit. Er bringt nur Raub und Verbrechen hervor; es ziehen mit ihm der Schrecken, die Hungersnot und die Verwüstung einher; er zerreißt Müttern, Gattinnen und Kindern das Herz; er verwüstet die Felder, entvölkert die Provinzen und verwandelt die Städte in Staub. Er laugt die blühenden Staaten mitten in den größten Erfolgen aus; er setzt die Sieger tragischen Rückschlägen aus; er verdirbt die Sitten aller Nationen und macht noch mehr Menschen unglücklich, als er dahinrafft. Das sind die Früchte des Krieges. …“ /2/

Vor allem seit der europäischen Aufklärung gibt es Visionen von Freiheit und Grundrechten. Utopien für eine friedliche, freie und gerechte Gesellschaft wurden entwickelt und verbreitet. /3/ In den letzten Jahren haben wir trotz vieler kriegerischer Auseinandersetzungen auf unserem Planeten Gewinne an Freiheiten und Rechtsstaatlichkeit zu verzeichnen, sehen wir z.B. die Bildung des Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH).

Aber wir haben gerade dort Verluste an Freiheiten und Menschenrechten erleben müssen, wo Autokratien herrschen und Rechtsstaatlichkeit abgebaut wurde. Frieden, Freiheit und Menschenrechte gehören zusammen, sie bedingen einander. Wir haben ein natürliches Recht darauf. „Dieses Recht gibt die Natur allen Menschen, damit sie über ihre Personen und ihre Güter in der Weise verfügen, die ihrem Urteil nach ihrem Glück am meisten angemessen ist – allerdings mit der Einschränkung, dass sie dieses Recht in den Grenzen des Naturgesetzes anwenden und es nicht zum Schaden der anderen Menschen missbrauchen. Die natürlichen Gesetze sind also Richtschnur und Maßstab für diese Freiheit; denn obwohl die Menschen im primitiven Naturzustand voneinander unabhängig sind, sind sie doch alle abhängig von den natürlichen Gesetzen, von denen sie sich bei ihren Handlungen leiten lassen müssen. …

Der erste Zustand, den der Mensch von Natur aus erwirbt und der als das kostbarste aller Güter gilt, die es besitzen kann, ist der Zustand der Freiheit; er kann weder gegen einen anderen getauscht noch verkauft werden, noch verlorengehen; denn natürlicherweise werden alle Menschen frei geboren; das heißt, sie sind nicht der Gewalt eines Herrn unterworfen, und niemand hat auf sie ein Eigentumsrecht. …“ /4/ Wie klar doch die Aufklärung im 18. Jahrhundert diese Erkenntnisse darlegte und damit eine säkulare Ethik möglich machte.

Der Abbé Mallet schreibt in der „Encyclopédie“ in seinem Artikel „Denkfreiheit – Liberté de penser“: „Die wahre Denkfreiheit schützt den Geist vor Vorurteilen und Voreiligkeit. Unter der Leitung jener weisen Minerva stimmt sie den Lehren, die man ihr vorschlägt, nur in dem Maße zu, als sie wahrscheinlich sind. Sie glaubt entschieden denen, die evident sind; sie reiht die übrigen, die nicht evident sind, unter die Wahrscheinlichkeiten ein; es gibt allerdings auch Lehren, bei denen sie ihren Glauben in der Schwebe lässt; aber wenn das Wunderbare hinzukommt, wird sie weniger gläubig; sie beginnt dann zu zweifeln und misstraut den Lockungen der Illusion. Mit einem Wort: sie schenkt dem Wunderbaren  erst Glauben, wenn sie sich gegen den allzu starken Hang, der uns zum Wunderbaren hinzieht, gut gewappnet hat. Sie sammelt vor allem ihre Kräfte gegen die Vorurteile, die uns die Erziehung in unserer Jugend in Bezug auf die Religion annehmen ließ, denn das sind die Vorurteile, von denen wir uns am schwierigsten frei machen; …“ /5/

Wir leben heute in einer offenen Welt und die Globalisierungsprozesse sind Realität. Sie bergen Gefahren und Chancen für unsere Zukunft. Um in diesem Zusammenhang die Prozesse der Integration von Menschen mit Migrationshintergründen  in der Bundesrepublik Deutschland zu gestalten, benötigen wir eine ethische Grundlage für Asylrecht und Integration und eine entsprechende interkulturelle freiheitliche Erziehung. Ethik und Integration bedingen einander.

Wir stellen zurzeit fest, dass wir eine verfehlte Integrationspolitik haben, die vor allem Menschlichkeit, Multikulturalität und weltanschauliche Vielfalt nicht hinreichend beachtet. Aktuellen ethischen und humanitären Herausforderungen werden wir nicht gerecht, wenn wir eine deutsche Leitkultur predigen oder extremistische Positionen hinnehmen. Flüchtlinge kommen nach Europa und auch Deutschland. Sie kommen, weil sie aus Ländern mit Krieg und Unterentwicklung fliehen müssen oder aus politischen Gründen Asyl suchen. Asylbewerber kommen zu uns wegen fehlender Menschenrechtswirklichkeit in ihrer Heimat.

Was ist in der Gegenwart mit der ethischen Entwicklung unserer Kinder? Sind wir bzw. unsere Kinder zur Integration und Toleranz fähig? Führt ein integrativer dialogischer Ethik–Unterricht weiter? Wie ist Werteerziehung möglich - ohne religiös-weltanschauliche Determination? Nelson Mandela schrieb am 15. Mai 2008, in Johannesburg/ Südafrika: "Educating all of our children must be one of our most urgent priorities. We all know that education, more than anything else, improves our chances of building better lives." Wir benötigen eine integrative werteorientierende Bildung und Erziehung, auch in Schule. Daher sollen unsere Heranwachsenden „Gemeinsam leben lernen“ - angesichts vielfältiger Lebensanschauungen und Religionen. /6/

Wir suchen, wie viele andere Menschen, nach einem Leben in Frieden und Vielfalt, in Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, in Toleranz und Humanität. Dafür benötigen wir die Realisierung der Menschenrechte in Würde für jeden Menschen als gemeinsame Werte. Frieden und Freiheit in der Realität der Menschenrechte sind Garanten für Integration und ein glückliches Leben. Es reflektiert ein wesentliches globales Problem, das das Leben und Weiterleben der Menschen, ja ganzer Völker beinhaltet.

Über 100 Jahre nach dem Beginn des 1. Weltkrieges (1914 – 1918) wissen wir dies aus leidvoller Erfahrung. Erich Maria Remarque schreibt 1930 mit dem Blick auf den 1. Weltkrieg: Die vielen Ehrenmale und Denkmale würden nicht die ganze Geschichte erzählen. Denkmäler aufzurichten sei schon richtig, denn im Krieg sei nirgends mehr gelitten worden. „Nur eins haben sie ausgelassen: Nie wieder. Das fehlt.“ /7/   

Die beiden, von deutschem Boden ausgegangenen Weltkriege haben das 20. Jahrhundert auf schreckliche Weise geprägt. Da kann die einzige Konsequenz sein, stets für Frieden in Freiheit einzutreten und für ihn zu kämpfen. Welche Ursachen und Hintergründe für Gewalt in der Geschichte der letzten 110 Jahre gibt es? Welche Konsequenzen ziehen wir daraus? Welche Ethiken sind noch tragfähig? Die neuen Dimensionen eines Krieges in der Gegenwart, der durch den Einsatz von Atomwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen gekennzeichnet wäre, führen zu der Erkenntnis, dass generell Kriege auf unserer Erde nicht mehr führbar und gewinnbar sind. Wie sieht jedoch die Politik der letzten Jahrzehnte und in nächster Zukunft aus? Worin bestehen neue weltbürgerliche Konfliktlösungsstrategien, eine nationale und internationale Integrationspolitik der Menschenrechte, tragfähige völkerrechtsverbindliche Regelungen und notwendige Alternativen zu Krieg und Gewalt in den Beziehungen der Staaten?

Die Situation in der Ukraine erfüllt uns mit Sorge: Mit Gewalt wird versucht, Machtstrukturen zu sichern oder zu erobern. Sie kostet Menschenleben. Russland hat seinen Angriffskrieg zu beenden. Rufen wir Russland, die Ukraine, die USA und die Europäischen Staaten auf, die Situation in der Ukraine nichtmilitärisch und völkerrechtskonform zu lösen. Frieden in Europa ist m.E. nur in partnerschaftlicher Kooperation möglich. Es ist eine Politik der Kooperation statt Konfrontation und eine zivile Konfliktbearbeitung nötig. Die auch uns direkt berührende Kriegsgefahr in der Ukraine ist noch nie so hoch gewesen wie gegenwärtig. Hierfür sehe ich aus geschichtlicher Verantwortung eine besondere Rolle für das Friedensengagement der Bundesrepublik Deutschlands und für uns alle in der Zivilgesellschaft.     

Politische und andere Fragen der Friedenssicherung haben in den letzten 100 Jahren die Menschen sehr bewegt, nicht nur wegen der internationalen Kriegserfahrungen im 20. Jahrhundert. Albert Einstein sagt mit den Erfahrungen des 2. Weltkrieges und der beginnenden Atomwaffenaufrüstung in der Welt: „Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzten. … Wir müssen uns stellen, für die Sache des Friedens die gleichen Opfer zu bringen, die wir widerstandslos für die Sache des Krieges gebracht haben. Es gibt nichts, das mir wichtiger ist und mir mehr am Herzen liegt. Was ich sonst mache oder sage, kann die Struktur des Universums nicht ändern. Aber vielleicht kann meine Stimme der größten Sache dienen: Eintracht unter den Menschen und Friede auf Erden.“ /8/

Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Völkerrecht sind zu unabdingbaren Bedingungen für ein friedliches Zusammenleben der Menschen geworden, in denen Diktatur, Militarismus und Unterdrückung keinen Platz mehr haben. Der „kalte Krieg“ ist Geschichte, auch wenn ich gerade angesichts der Konflikte in der und um die Ukraine daran erhebliche Zweifel habe.

Eine besondere Frage - gerade für uns Freigeister und Humanisten - ist die nach der Rolle von Religionen und Ideologien für Frieden und Krieg. Sind religiös-weltanschauliche Konflikte, Fanatismus und Extremismus wesentliche Ursachen für Krieg, Terror und Gewalt, sogar heute mehr als früher?

Welches sind die aktuellen Fragen der Friedensforschung und Friedensarbeit zur Kriegsverhinderung? Gehen wir ihnen mit Intensität nach. Mit der Entwicklung der Militärstrategien, der Erstschlagthese sowie den Auffassungen über das Recht der militärischen Verteidigung und über „gerechte und ungerechte Kriege“ müssen wir uns kritisch auseinandersetzen. Wie sind der Mensch und seine Zivilisation natur- und sozialwissenschaftlich erklärbar in Bezug auf seine Gewaltfähigkeit, Aggressivität und Kriegsbereitschaft? Hat Hochrüstung den Frieden sicherer gemacht? Sind „humanitäre Einsätze“ im 20. und 21. Jahrhundert geeignet, die ethisch bestimmten Menschenbilder (der Mensch als natürliches und soziales Wesen) weiterzuentwickeln? Welche Auswirkungen haben militärische Auseinandersetzungen, Kriege oder ein friedliches Leben auf Ökologie und Ökonomie, auf die Natur und die Sozialität?

Literatur:

/1/ Louis de Jaucourt: Krieg – Guerre. In: Artikel aus der von Diderot und d’Alembert herausgegebenen Enzyklopädie. Leipzig 1984. S. 514 f.

/2/ Ebd. S. 516.

/3/ Vgl. Volker Mueller: Sind Utopien und Visionen zeitgemäß? In: Schriftenreihe der Freien Akademie. Band 26. Berlin 2006.

/4/ Louis de Jaucourt: Natürliche Freiheit – Liberté naturelle. In: Artikel aus der von Diderot und d’Alembert herausgegebenen Enzyklopädie. A.a.O. S. 581 f.

/5/ Abbé Mallet: Denkfreiheit – Liberté de penser. In: Artikel aus der von Diderot und d’Alembert herausgegebenen Enzyklopädie. A.a.O. S. 582 f.

/6/ Vgl. in der DFW-Schriftenreihe für freigeistige Kultur:  „Lebensgestaltung / Ethik / Religionen“ (Heft 2. Pinneberg 1993), „Religionsunterricht und/oder Lebensgestaltung/ Ethik/ Religionskunde (LER) an den Schulen?“ (Heft 10. Pinneberg 1997) und „Werteerziehung in der Schule – LER und Alternativen zum Religionsunterricht“ (Heft 16. Berlin Hannover 2002).

Vgl. auch Volker Mueller: Monopol der Religionen oder Allianz für Toleranz und Nichtdiskriminierung? – Thesen zur Werteerziehung. In: Heft 22 der Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Berlin Hannover 2006.

/7/ Erich Maria Remarque: Karl Broeger in Fleury. In: Ders.: Der Feind. Erzählungen. Köln 2014. S. 46 f.

/8/        Albert Einstein: Für einen militanten Pazifismus. In: Albert Einstein - Sigmund Freud: Warum Krieg? Ein Briefwechsel. Zürich 1972. S. 10 f.