von Ortrun Lenz | 09.02.2026
Seit ich mich weltanschaulich engagiere, begleitet mich ein Thema wie ein roter Faden. Manchmal schwingt es nur leise im Hintergrund mit, manchmal ist es wieder sehr präsent: die Zersplitterung der freigeistig-humanistischen Bewegung. Meine ersten bewussten Erfahrungen damit reichen zurück in die 1970er und 1980er-Jahre. Ich war damals noch jung, habe vieles eher beobachtet als kommentiert. Aber ich habe mitbekommen, wie der Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands Landesverbände verlor, wie diskutiert, gestritten, neu sortiert wurde. Es ging um Begriffe wie „freireligiös“ oder „freigeistig“, um Selbstverständnis, um Abgrenzung. Und schon damals hatte ich das Gefühl: Dafür wird erstaunlich viel Energie aufgewendet. Was von außen wie eine Randfrage wirken mag, hatte oft weitreichende Folgen, organisatorisch, menschlich, manchmal auch emotional. Damals wie heute stand im Hintergrund dieselbe Hoffnung: dass sich Menschen, die für Selbstbestimmung, Aufklärung und Humanität eintreten, dauerhaft zusammenfinden. Und ebenso lange erlebe ich, wie schwierig genau das ist.
Parallele Entwicklungen im Dachverband
Ähnliche Erfahrungen machte auch der Dachverband, heute der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften, früher Volksbund für Geistesfreiheit. Über Jahrzehnte hinweg traten Verbände bei, verließen den Verband wieder, schlossen sich neu zusammen oder gingen andere Wege. Wer diese Geschichte kennt, weiß: Das war selten leichtfertig. Meist steckten lange Auseinandersetzungen dahinter. Freigeister, Freireligiöse, Freidenker, Humanisten, Unitarier – eigentlich verbindet sie vieles. Und doch wurden immer wieder vor allem die Unterschiede betont. Fragen der Organisation, der Finanzierung, der öffentlichen Positionierung oder der inneren Machtverhältnisse führten zu Spannungen, manchmal auch zu Verletzungen.
Dabei lautete das gemeinsame Leitmotiv seit jeher: „Einheit in der Vielfalt“. Ein schöner Satz. Einer, dem ich mich bis heute verbunden fühle. Und zugleich ein Satz, der in der Praxis viel Arbeit bedeutet.
KORSO: Ein gescheitertes Kooperationsprojekt
Ein besonders prägnantes Beispiel ist für mich der Koordinierungsrat Säkularer Organisationen, kurz KORSO. Er wurde vor Jahrzehnten vom DFW und dem Humanistischen Verband Deutschlands gegründet – nicht als weiterer Dachverband, sondern bewusst als lockere Plattform für Zusammenarbeit. Die Idee war klug: Keine neue Hierarchie, keine zusätzlichen Machtstrukturen, sondern ein Ort für Austausch, Koordination und gemeinsame Projekte. Lange Zeit hatte ich den Eindruck, dass das funktionieren könnte. Heute muss man nüchtern feststellen: Dieses Projekt ist faktisch gescheitert. 2021 wurde der KORSO in den „Zentralrat der Konfessionsfreien“ umgewandelt. Dieser Schritt wurde vor allem von finanzstärkeren Akteuren, insbesondere aus dem Umfeld der Giordano-Bruno-Stiftung, vorangetrieben. Für andere Organisationen war das nicht mehr mittragbar. DFW, HVD und die Freidenker traten aus. Wieder ging ein Versuch verloren, dauerhaft gemeinsam zu arbeiten.
Die gesellschaftliche Dimension
Warum ist das so schwer? Ich glaube nicht, dass es nur an politischen Positionen liegt. Nach meiner Erfahrung spielen viele andere Faktoren hinein: Konkurrenz um knappe Ressourcen, unterschiedliche Vorstellungen von Professionalität, persönliche Konflikte, Machtfragen, alte Enttäuschungen. Gerade in vergleichsweise kleinen Milieus wie unserem gewinnen solche Dinge schnell großes Gewicht. Sachfragen werden zu Stellvertreterkonflikten. Organisationsfragen zu Identitätsfragen. Und plötzlich geht es nicht mehr um Inhalte, sondern um Positionen. Das kostet Kraft, und diese Kraft fehlt dann an anderer Stelle.
All das geschieht nicht im luftleeren Raum. Wir leben in einer Zeit, in der demokratische Werte nicht mehr selbstverständlich sind. Populistische Vereinfachungen wirken auf viele Menschen attraktiver als differenzierte Argumente. Autoritäre Denkmuster gewinnen an Boden. Vor diesem Hintergrund erscheint mir unsere innere Zersplitterung besonders problematisch. Ein handlungsfähiges, kooperatives säkulares Netzwerk wäre heute wichtiger denn je. Stattdessen beschäftigen wir uns oft mit uns selbst.
Warum Zusammenarbeit trotzdem möglich ist
Trotzdem glaube ich nicht, dass Zusammenarbeit eine Illusion ist. Ich habe immer wieder erlebt, dass sie gelingen kann, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind: gegenseitiger Respekt, Offenheit, Transparenz, realistische Erwartungen, die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Vor allem aber: die Anerkennung unterschiedlicher Traditionen und Wege.
Pluralität muss nicht schwächen. Sie kann bereichern, wenn man sie zulässt. Ich schreibe diesen Text nicht aus Frustration, auch wenn Frustration sicher mitschwingt. Ich schreibe ihn aus Verbundenheit. Die säkular-humanistische Bewegung hat enormes Potenzial. Sie bringt kluge, engagierte, verantwortungsbewusste Menschen zusammen. Dieses Potenzial könnte viel stärker wirken, als es das heute oft tut.
„Einheit in der Vielfalt“ bleibt ein anspruchsvolles Ideal. Es verlangt Geduld, Selbstkritik und manchmal auch die Bereitschaft, einen Schritt zurückzutreten. Aber ich halte diese Anstrengung für notwendig. Gerade jetzt, denn wenn wir unsere Gemeinsamkeiten ernster nehmen als unsere Unterschiede, können wir viel mehr bewirken für eine offene, aufgeklärte und menschenwürdige Gesellschaft.

