Die Welt in Kinderhänden

Juni 3, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Silvana Uhlrich-Knoll |

Gestern war der 1. Juni, internationaler Kindertag, also jedenfalls für einen Teil der Weltbevölkerung. Ein anderer Teil unserer Welt feiert dazu auch an einem anderen Tag, dem 20. September. Zwei Tage mit entscheidender Botschaft – auf die Bedürfnisse und Wünsche unserer Kinder hinzuweisen. Reichen dazu zwei Tage im Jahr aus? Warum feiert Deutschland zweimal Kindertag? Deutschland hat seinen doppelten Kindertag der ehemaligen Teilung und der unterschiedlichen Geschichte von Ost und West zu verdanken. Nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 wurden beide Traditionen beibehalten, weshalb Kinder in Deutschland heute zweimal im Jahr gefeiert werden. Der 1. Juni, der sogenannte Internationale Kindertag wird seit 1950 begangen und wird heute vor allem in Ostdeutschland gefeiert. Der 20. September ist Weltkindertag. Dieser Tag wurde 1954 von den Vereinten Nationen (UN) ins Leben gerufen und war in der alten Bundesrepublik der offizielle Feiertag. Er soll weltweit auf die besonderen Bedürfnisse und Rechte der Kinder aufmerksam machen.

Eigentlich wäre es an der Zeit, jeden Tag unsere Kinder zu feiern. Denn schon ein Kind allein kann ein ganzes Herz ausfüllen, ohne ein Wort zu sagen. Was können dann alle Kinder gemeinsam bewirken? Schon Margaret Maed sagte, Kindern muss beigebracht werden, wie man denkt, nicht was man denkt. Das Zitat der US-amerikanischen Anthropologin betont, dass Kinder nicht nur vorgegebene Meinungen übernehmen, sondern lernen sollen, selbstständig zu denken und eigene Ansichten zu entwickeln.

Mahatma Gandhi hat es auf den Punkt gebracht: „Wenn wir wahren Frieden in der Welt erlangen wollen, müssen wir bei den Kindern anfangen.“ Doch welche Länder halten sich an die Kinderrechte? Die meisten Staaten der Welt haben die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert. Eine Ausnahme bilden die USA, die die Konvention zwar 1995 unterzeichnet, aber bis heute nicht ratifiziert haben und deshalb rechtlich nicht an sie gebunden sind. In vielen Ländern werden Kinderrechte trotz der Ratifizierung weiterhin verletzt. Besonders in Krisen- und Konfliktgebieten wie der Demokratischen Republik Kongo, Syrien, dem Jemen, Myanmar oder Afghanistan kommt es regelmäßig zu schweren Verstößen wie dem Einsatz von Kindersoldaten, Zwangsarbeit oder Gewalt gegen Kinder. Weltweit sterben zudem viele Kinder, meist unter fünf Jahren, an vermeidbaren Krankheiten. Zu den häufigsten Todesursachen zählen Lungenentzündungen, Durchfallerkrankungen und Malaria, oft verstärkt durch Mangelernährung.

So ist es leider nicht das Kinderlachen, was mir auf den Newslettern, Spendenbriefen der Hilfsorganisationen oder Zeitschriften entgegenblickt, sondern zu 95 % weinende Kinder, Kinder mit schlimmsten Verletzungen und traumatisierten Gesichtern.

Doch Unicef hat einen bemerkenswerten Fotoband zu Jubiläum 25 Jahre UN-Kinderrechtskonvention herausgegeben, und das Titelfoto zeigt ein lachendes Mädchen. Es steht zwar inmitten einer zerstörten Umgebung, ist schmutzig und trägt wahrscheinlich das einzige Kleidungsstück, was es besitzt, am Körper, aber das Lachen in ihrem Gesicht ist wunderbar und von dem Moment erfüllt. Wir wunderbar sind diese Momente, wo Kinder alles vergessen können, sich selbst verlieren im Spiel, in ihren Gedanken, im Lesen. So auch Hajira. Auf dem Foto sitzt sie versunken zwischen in ihren Büchern. Das Wissen um den Tatbestand, wie klein der zeitliche Rahmen ist, in dem sie diese Freiheit noch genießen kann, um sich mehr anzueignen, hat Unicef dazu bewogen, das Bildnis zum Foto des Jahres 2025 zu küren. Seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 haben sich die Lebensbedingungen für Frauen und Mädchen in Afghanistan deutlich verschlechtert. Der Zugang zu Bildung ist stark eingeschränkt, sodass viele Mädchen nach der sechsten Klasse nicht mehr zur Schule gehen dürfen. Die Fotojournalistin Elise Blanchard dokumentierte den Alltag junger Frauen in Städten und ländlichen Regionen. Dabei begegnete sie wissbegierigen Mädchen, Familien, die ihre Töchter aus finanzieller Not früh verheiraten, sowie Jugendlichen, die trotz großer Herausforderungen weiterlernen und ihr Wissen an andere Kinder weitergeben.

Auch die Kindheit der heutigen westlichen Welt hat sich durch gesellschaftliche, technische und familiäre Veränderungen stark gewandelt. Sie bietet ihnen vielerorts neue Möglichkeiten, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Deshalb wird oft diskutiert, wie ein gutes Gleichgewicht zwischen Förderung, Digitalisierung, Freizeit und persönlicher Entwicklung geschaffen werden kann.

Die veränderte Kindheit als ein zentrales Thema zu sehen, macht die Umstände deutlich, unter denen Kinder und Jugendliche heute heranwachsen und sucht gleichzeitig nach Antworten, die unser Bildungssystem, die soziale Gesellschaft und die Politik darauf finden müssen, denn es gibt sowohl positive als auch negative Entwicklungen, die sich beobachten lassen.

Durch die Digitalisierung verbringen Kinder heute deutlich mehr Zeit mit Smartphones, Tablets und sozialen Medien. Dadurch erwerben sie früh digitale Kompetenzen und haben schnellen Zugang zu Informationen, gleichzeitig können jedoch Probleme wie Bewegungsmangel, Ablenkung, Cybermobbing oder Medienabhängigkeit entstehen. Dadurch hat sich auch das Freizeitverhalten gewandelt. Während Kinder früher oft unbeaufsichtigt draußen spielten, ist ihr Alltag heute häufig durch Vereine, Kurse oder andere Aktivitäten stärker organisiert und zugebaut.

Dies bietet zwar viele Fördermöglichkeiten, lässt jedoch oft weniger Raum für selbstständige Erfahrungen. Zudem haben sich die Familienstrukturen komplett verändert. Heute gibt es vermehrt Patchworkfamilien und Alleinerziehende. Viele Eltern engagieren sich zwar intensiv für die Bildung und Förderung ihrer Kinder, dennoch kann beruflicher Stress und Zeitmangel das Familienleben sehr beeinflussen. Kinder stehen dadurch oft schon früh unter Leistungsdruck, auch wenn sie gleichzeitig von besseren Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten profitieren. Auch Kinderrechte, Gesundheit und Sicherheit werden heute stärker beachtet. Allerdings wird auch hier kritisiert, dass Kinder durch eine übermäßige Fürsorge weniger selbstständig werden und ihre Unabhängigkeit auf eine hohe Stufe gestellt wird.

Wäre es hier nicht wieder besser, voneinander zu lernen? Die Idee des Gedankens zu begreifen, um selbst zu begreifen und einzugreifen. Die Idee, dass Wissen, von Generation zu Generation weitergegeben, auch sinnvoll und zeitsparend sein kann. Großeltern lernen von Enkelkindern, kleine Kindern von älteren Menschen, Eltern von und mit ihren Kindern, Kinder von Kindern.

Das wäre doch ein Lachen wert oder? Ein gemeinsames Lachen während wir Zeit miteinander verbringen. Wertvolle Zeit, wertvolle Momente. Denn die schönste Musik im Leben ist immer noch das Lachen eines Kindes.