von Dr. Volker Mueller | 09.09.2025
Über Jahrhunderte hinweg waren den Menschen das Gehirn, das Denken und Wollen, das Erinnern, Erkennen, Lernen und Erfinden ein Rätsel. Das menschliche Gehirn fasziniert Menschen seit jeher. Und auch wenn viele Geheimnisse noch verborgen sind, wissen Forscherinnen und Forscher heute mehr darüber, als je zuvor. Die einen suchen danach, wie Gefühle im Gehirn entstehen, andere danach, wie wir eigentlich lernen und Wissen erwerben. Einige forschen daran, wie sich Krankheiten des Gehirns auf unsere Persönlichkeit auswirken, andere, ob sich Intelligenz auch künstlich herstellen lässt. /1/ Fragen und Ergebnisse der gegenwärtigen Hirnforschung sind auch aus interdisziplinärer Sicht bedeutsam und zu beurteilen.
Für das Leben eines Organismus ist bekanntlich ein Gehirn nicht unbedingt erforderlich. Einzeller, Pflanzen und wirbellose Tiere kommen seit Ewigkeiten auch ohne Gehirn zurecht. Bei sog. „höher entwickelten“ Tieren ist das anders. Bei ihnen gehört ein Gehirn zur Grundausstattung. Evolutionshistoriker Thomas Junker betont, dass das Gehirn die Schnittstelle bildet, an der ankommende Reize der Außenwelt in Befehle zur Muskelreaktion, also in Verhalten, umgewandelt werden. /2/ Wir wissen heute, dass die Evolution rund 650 Millionen Jahre benötigte, bis sie aus einfachen Nervensystemen, wie man sie etwa bei Quallen oder Seeanemonen findet, das komplexe und leistungsfähige Gehirn des Menschen geformt hatte.
Zwar ist das menschliche Gehirn mit einem Gewicht von ca. 1400 Gramm nicht das schwerste im Tierreich. Bei Elefanten wiegt das Gehirn rund 5000, bei Pottwalen sogar bis 9000 Gramm. Bezieht man indes die Körpermaße bei den Überlegungen mit ein, dann besitzt der Mensch ein erheblich größeres Gehirn, als man aufgrund seiner Maße erwarten sollte. Im Durchschnitt der Säugetiere ist das Gehirn beim Menschen fast achtmal, beim Delphin fünfmal und beim Schimpansen zweieinhalbmal so groß. Bei allen drei Arten wuchs das Gehirn in der Evolution schneller als der Körper. Am schnellsten geschah dies beim Menschen, dessen Gehirn in ein paar Millionen Jahren um fast 1000 Gramm zulegte.
Bleibt die Frage nach den Ursachen dieser enormen Vergrößerung /1/. Unbestritten sei, dass ein leistungsfähiges Gehirn unseren Vorfahren im evolutionären Überlebenskampf Vorteile verschafft habe. Doch worin bestanden diese Vorteile? Der Mensch habe dank seines großen Gehirns eine im Tierreich einzigartige Intelligenz entwickelt. Dadurch sei es ihm möglich gewesen, auch unter widrigen Umweltbedingungen und in einer Welt voller Feinde zu bestehen. Unter Anthropologen war lange die Auffassung vorherrschend, dass die frühe Entwicklung des menschlichen Gehirns hauptsächlich unter dem Druck der Herstellung neuer Werkzeuge und Waffen erfolgt sei. Denn deren Einsatz habe es unseren Vorfahren erlaubt, auch größere und mehr Tiere zu erlegen und als Nahrung zu nutzen. Die dadurch zusätzlich gewonnene Energie konnte in eine weitere Vergrößerung des Gehirns „investiert“ werden, die sich wiederum förderlich auf die Entwicklung der menschlichen Intelligenz auswirkte.
Ohne Zweifel hat die Werkzeug- und Waffenherstellung bei der Herausbildung der Intelligenz des Menschen eine wichtige Rolle gespielt. Gleichwohl sind viele Wissenschaftler heute der Auffassung, dass die eigentliche Triebkraft der menschlichen Intelligenzentwicklung auf einem anderen Feld zu suchen ist: auf dem Feld des Sozialen. Die Intelligenz, die sich hier entfaltete, wird auch Machiavellische Intelligenz genannt – in Anlehnung an den Renaissance-Philosophen Niccolò Machiavelli. Kurz gesagt, bezeichnet die Machiavellische Intelligenz die Fähigkeit eines Menschen, sich in einer sozialen Gruppe gegenüber anderen Gruppenmitgliedern zu behaupten. Für den Einzelnen ist es dabei wichtig zu wissen, wer in der Gruppe das Sagen hat, wer sich mit wem angefreundet oder verfeindet hat, wem man im Notfall vertrauen kann. Wer es darüber hinaus vermag, sich in die Gefühlslagen anderer hineinzuversetzen und deren Handlungen im Voraus abzuschätzen, gewinnt zusätzliche Vorteile. Um all diese Aufgaben zu bewältigen, bedarf es einer hohen Hirnleistung beziehungsweise Intelligenz. Die Formen des Denkens, die zuerst bei der Lösung sozialer Probleme entwickelt worden seien, so behaupten die Verfechter der Theorie der Machiavellischen Intelligenz, hätten sich im Nachhinein auch für das Verständnis der Gesetzmäßigkeiten der unbelebten Natur als geeignet erwiesen.
Thomas Junker sagt /3/, dass sich tatsächlich ein Zusammenhang ergebe, wenn man die Größe einer Gruppe als einen Indikator für soziale Komplexität nimmt und sie mit dem Anteil des Neocortex am gesamten Gehirn vergleicht. Der Neocortex ist der stammesgeschichtlich jüngste Teil der Großhirnrinde, in dessen Zuständigkeit die komplexeren Formen der Informationsverarbeitung fallen. Je größer nun die sozialen Gruppen seien, in denen Tiere leben, desto höher sei der Anteil des Neocortex am Gesamtgehirn. Die Intelligenz eines Tieres begrenze wohl die maximal erreichbare Gruppengröße. Wenn die Gruppe größer werde, seien die Individuen nicht mehr in der Lage, die sozialen Beziehungen aufrechtzuerhalten, und die Gruppe zerfalle. Bei Schimpansen läge die maximale Gruppengröße bei 50 bis 55 Individuen, was recht gut mit empirischen Beobachtungen übereinstimmt. Beim Menschen kommt man auf eine maximale Gruppengröße von 100 bis 200 Personen. Dies entspricht der durchschnittlichen Größe sozialer Gruppen bei heutigen Jägern und Sammlern, etwa im Amazonasgebiet oder in Zentralafrika.
Die Frage, welche Form der Intelligenz von größerer Bedeutung für die Menschwerdung sei, wird bis heute kontrovers diskutiert, wenngleich immer mehr den sozialen Faktoren der Vorzug gegeben wird. Eine interessante Entdeckung hat ein Anthropologenteam um Mary Ann Raghanti in den USA gemacht /4/. Danach ging die „Menschwerdung des Affen“ aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit einem kontinuierlichen Wachstum des Gehirns einher. Etwas habe sich verändert, bevor das Gehirn groß wurde und bevor wir diese erweiterte Hirnrinde entwickelten. Die Forscher vermuten, dass sich zunächst Veränderungen in der Hirnchemie vollzogen, die insbesondere das Sozialverhalten unserer Vorfahren beeinflussten. Natürlich kann man solche Veränderungen heute nicht mehr nachweisen. Denn von unseren vor Jahrmillionen lebenden Vorfahren sind bestenfalls fossile Schädelknochen übriggeblieben. Deshalb untersuchten Raghanti und ihre Kollegen die Gehirne von rezenten Primaten, von Menschen, Schimpansen, Gorillas, Pavianen, Makaken und Kapuzineraffen. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt dabei dem sogenannten Striatum, einer zu den Basalganglien des Großhirns gehörenden Region, die maßgeblich an der Steuerung sozialer Verhaltensweisen beteiligt ist.
Die Unterschiede in der Hirnchemie könnten weitere evolutionäre Veränderungen in Gang gesetzt haben, darunter die Entwicklung des Paarungsverhaltens und der Sprache. Laut der von US-Forschern entworfenen neurochemischen Hypothese über den Ursprung der Hominiden paarten sich nach der Umstrukturierung des Gehirns immer mehr Frauen mit Männern, die zuverlässig und weniger aggressiv waren. Dadurch wurde möglicherweise die soziale Monogamie befördert. Zugleich hatten Männer, die gut mit anderen Männern zusammenarbeiteten, mehr Erfolg bei der Jagd, bei welcher sie auch das Know-how für die Werkzeug- und Waffenherstellung miteinander teilten. Das wiederum löste einen weiteren Schub in der Entwicklung des Gehirns und der Sprache aus.
Ob höhere Dopaminspiegel im Gehirn das menschliche Sozialverhalten tatsächlich in der geschilderten Weise verändert haben, kann derzeit nur gemutmaßt werden. Denkbar wäre auch, dass die Entwicklung eines dopamindominierten Striatums lediglich der Nebeneffekt einer anderen Anpassung war. Neue Erkenntnisse erhoffen sich die US-Forscher von einer Untersuchung der Gehirne von Schimpansen und Bonobos. Während Schimpansen (pantroglodytes) häufig ein aggressives und unkooperatives Verhalten zeigen, sind Bonobos (panpaniscus) bekannt für ihre Friedfertigkeit sowie ihre Bereitschaft, Nahrung freiwillig mit Artgenossen zu teilen. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Unterschiede mit divergierenden Dopamin- und Acetylcholin-Spiegeln im Gehirn beider Schimpansenarten zusammenhängen. Gelänge ein solcher Nachweis, würde das die neue Theorie zweifellos stützen.
Was wissen wir heute sicher darüber, wie sich das menschliche Gehirn und Bewusstsein entwickelt hat und wie es sich weiterentwickelt? Was sind Bewusstseinsprozesse aus neurobiologischer Sicht? Was folgen daraus für psychologische und ethische Konsequenzen? Wieso streiten die Hirnforscherinnen und Hirnforscher darum, ob es einen freien Willen gibt oder nicht? Wie wird heutzutage an der Optimierung des Gehirns gearbeitet? Darf man das überhaupt, der Natur ins Handwerk pfuschen, oder muss man es, weil man es kann? Wie entstehen Emotionen in Kopf, von denen wir oft meinen, sie wären eine Sache des Herzens? Welche Fragen können Forscherinnen und Forscher heute schon beantworten und was ist offen? /5/
Lassen Sie uns gemeinsam auf eine Entdeckungsreise zum aktuellen Stand der Erkenntnisse über das menschliche Gehirn gehen.
Literatur:
/1/ Martin Koch: Sozialleben macht schlau. In: Neues Deutschland. 24./ 25. Februar 2018. Seite 25.
/2/ Thomas Junker: Die Evolution der Phantasie. Stuttgart 2013, insb. S. 139 ff.
/3/ Ebd.
/4/ Mary Ann Raghanti, M.E. Edler, A.R. Stephenson, E. Munger, B. Jacobs, P.R. Hof, C.C. Sherwood, R.L. Holloway, C.O. Lovejoy: A neurochemical hypothesis for the origin of hominids.Proceedings of the National Academy of Science U.S.A. (2018). www.pnas.org/cgi/doi/10.1073.pnas.1719666115
/5/ Franz M. Wuketits: Zivilisation in der Sackgasse. Plädoyer für eine artgerechte Menschenhaltung. Murnau 2012. S. 30 und 81 f.; vgl. a. Volker Mueller (Hg.): Das menschliche Gehirn. In: Schriftenreihe der Freien Akademie. Band 38. Berlin 2019; Renate Bauer (Hg.): Bewusstsein und Ich. Schriftenreihe der Freien Akademie. Band 29. Berlin 2010; Friedrich Engels: Antheil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen. In: Ders.: Dialektik der Natur. In: MEGA² Bd. I/26. Berlin 1985. S. 88 – 99.

