Benötigen wir eine humanistische Weltanschauung ?

Juni 15, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Dr. Volker Mueller |

"Menschlichkeit - Humanité (Moral): Das ist ein Gefühl des Wohlwollens für alle Menschen, das nur in einer großen empfindsamen Seele aufflammt. Diese edle und erhabene Begeisterung kümmert sich um die Leiden der anderen und um das Bedürfnis, sie zu lindern; sie möchte die ganze Welt durcheilen, um die Sklaverei, den Aberglauben, das Laster und das Unglück abzuschaffen.

Sie verbirgt uns die Schwächen der Mitmenschen oder verhindert uns, diese Schwächen zu fühlen, macht uns aber unerbittlich gegenüber Verbrechen. Sie entreißt dem Schurken die Waffe, die dem guten Menschen zum Verhängnis werden könnte. Sie verleitet uns nicht, uns der besonderen Pflichten zu entledigen, sondern macht uns – im Gegenteil - zu besseren Freunden, besseren Gatten, besseren Staatsbürgern. Es macht ihr Freude, die Wohltätigkeit auf alle Wesen auszudehnen, die die Natur neben uns gestellt hat. Ich habe diese Tugend, eine Quelle so vieler anderer Tugenden, zwar in den Köpfen bemerkt, aber nur in wenigen Herzen."    Denis Diderot

Welche Stellung hat der Mensch in der Welt?

Worin besteht sein Halt in dieser Welt, in der er lebt?

Wie gestaltet sich das Verhältnis von Mensch, Natur und Umwelt?

Wie verhalten sich menschliches Denken und die objektive Realität zueinander; wie konstituiert sich das menschliche Fühlen in der Welt?

Auf welche Weise vollzieht der Mensch mittels seiner Arbeit und Kultur Veränderungen der Welt, der ihn umgebenden Wirklichkeit?

Es existiert immer wieder beim Menschen das Bedürfnis, auf die Frage "Wie und warum Philosophie bzw. eine philosophisch begründete Weltanschauung?" Antworten zu finden. Diese Antworten fallen sehr unterschiedlich aus, bisher als richtig Angesehenes oder Bewährtes wird in Frage gestellt oder negiert, alte zum Teil verschüttete Wurzeln werden wieder freigelegt. Neues entsteht, das Bewahrenswertes erhält, oder Heilsverkünder predigen "ihre Wahrheiten" und führen weg vom philosophischen Grund des Daseins, von theoretischem und humanistischem Denken über die Welt und das, was sie im Innersten zusammenhält. Die Fragestellung führt uns gewollt zu der Notwendigkeit der Begriffsanalyse sowie des Verständigens und Verstehens von Begriffsinhalten.

Der Begriff "Weltanschauung" ist sehr vielfältig und vielschichtig, er wird bekanntlich auch recht unterschiedlich gebraucht. Hier wird Weltanschauung als ein System der Gesamtanschauungen von Natur und menschlicher Gesellschaft, einschließlich den Werten, Normen und Regeln für das Verhalten des Menschen zu sich und anderen, sowie dem menschlichen Denken bestimmt. Der Begriff "Weltanschauung" wird erst um 1800 als ein vom Begriff "Weltbild" unterschiedener gebraucht. Kant benutzt in seiner „Kritik der Urteilskraft“ von 1790 eher beiläufig Weltanschauung als System empirischer Anschauungen der Naturerscheinungen. Schleiermacher geht eigentlich über den traditionellen Religionsbegriff hinaus, wenn er in den "Reden über die Religion" (1799) die religiöse Weltanschauung als grundsätzlich menschliches Vermögen erläutert, sich durch "Gefühl" und "Anschauung" jenseits von Wissen zum Unendlichen zu verhalten, mag dieses Unendliche Gott heißen oder nicht. Die deutsche Romantik sieht die vom "Weltbild" (als eine Summation der Resultate bloßer Objektbetrachtung) unterschiedene Bedeutung der "Weltanschauung" als eine auf Denken, Fühlen, Wollen und Tun des Menschen bezogene gedankliche Zusammenfügung des Wissens von der Welt als eines Sinnganzen. Die Weltanschauung bringt die subjektive gedankliche Aneignung der Welt und die Sinngebung menschlichen Daseins und Handelns in ihr zum Ausdruck.

Der Charakter einer Weltanschauung wird durch die ihr zugrunde liegenden philosophischen Anschauungen und durch die Rolle der Wissenschaften in ihr bestimmt.

Eine philosophisch begründete Weltanschauung kann man daher als eine Gesamtauffassung oder Theorie vom Weltganzen betrachten, vom Ursprung, von der Natur und der Entwicklung des Weltalls, von der Entstehung und Entwicklung der Menschheit, vom Wesen und Sinn des menschlichen Lebens, vom sozialen, ethischen, ästhetischen und kulturellen Verhalten des Menschen und von den Fähigkeiten des menschlichen Denkens.

Der deutsche Philosoph Karl Jaspers schreibt in der "Psychologie der Weltanschauungen": "Was ist Weltanschauung? Etwas Ganzes und etwas Universales. Wenn z. B. vom Wissen die Rede ist: nicht einzelnes Fachwissen, sondern das Wissen als eine Ganzheit, als Kosmos. Aber Weltanschauung ist nicht bloß ein Wissen, sondern sie offenbart sich in Wertungen, Lebensgestaltung, Schicksal, in der erlebten Rangordnung der Werte. Oder beides in anderer Ausdrucksweise: wenn wir von Weltanschauungen sprechen, so meinen wir Ideen, das Letzte und das Totale des Menschen, sowohl subjektiv als Erlebnis und Kraft und Gesinnung, wie objektiv als gegenständlich gestaltete Welt ...

Philosophie hieß von jeher das Ganze der Erkenntnis. Alle Erkenntnis ist philosophisch, sofern sie mit zahllosen Fäden an das Ganze gebunden ist. Die Loslösung einer wissenschaftlichen Sphäre von der universitas ist, wenn sie faktisch geschieht, deren Tod: statt Erkenntnis bleibt Technik und Routine, an die Stelle der Bildung des Geistes der im Elemente der Erkenntnis, während er fachlich Einzelstoff bearbeitet, doch immer universal gerichtet ist, treten Menschen ohne alle Bildung, die nur noch – vielleicht vortreffliche – Werkzeuge haben und pflegen."

Es zeigt sich in der Geschichte des menschlichen Denkens, dass sich Weltanschauung stets zwischen Akademisierung und Vulgarisierung bewegt. Gerade in der deutschen Geschichte haben wir verbrecherische Beispiele einer politisch und ideologisch motivierten Mystifizierung und Dogmatisierung von Weltanschauung.

Und Jaspers weiter: „Aber die Philosophie war von jeher mehr als nur universale Betrachtung, sie gab Impulse, stellte Werttafeln auf, gab dem Menschenleben Sinn und Ziel, gab ihm die Welt, in der er sich geborgen fühlte, gab ihm mit einem Wort: Weltanschauung. Die universale Betrachtung ist noch keine Weltanschauung, dazu müssen die Impulse kommen, die den Menschen in seiner Totalität treffen und von seiner Totalität ausgehen, Philosophen waren nicht nur ruhige, unverantwortliche Betrachter, sondern Beweger und Gestalter der Welt."

Die philosophische Begründung der Weltanschauung führt zu einer positiven Verwissenschaftlichung der Weltanschauung. Daher entsteht die Frage nach Philosophie selbst.

Diese berührt einen großen Kreis von Problemen, auf die nur die Philosophie und keine andere Wissenschaftsdisziplin hinreichend zu antworten vermag, d.h. die großen Fragen der Philosophie:

Was ist das Wesen der uns umgebenden Welt?

In welchem Verhältnis stehen Natur und Geist, Materie und Bewusstsein zueinander?

Was ist der Mensch, welche Stellung nimmt er in der Welt ein?

Worin besteht der Sinn seines Lebens?

Ist der Mensch fähig, die Welt zu erkennen und umzugestalten?

Diese und viele andere Fragen machen den Inhalt von Philosophie aus. Kant spricht von den vier großen Fragen der Philosophie: 1. Was kann ich wissen?  2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen? 4. Was ist der Mensch? Von jeher besteht das Bedürfnis, auf diese Fragen Antworten zu finden. Die Antworten haben stets zeitgeschichtlichen Charakter; das Maß ihres Wahrheitsgehalts findet sich für freie Menschen in ihrem relativen Handeln und in den realen unendlichen Grenzen der wirklichen Welt. Die Philosophie ist eine besondere Form der Erkenntnis, die sich selbst historisch verändert hat und weiter verändert. Zugleich ist sie, wie Hegel sagt, die Zeit, in Gedanken gefasst.

Philosophie ist im engeren Sinne ein wissenschaftliches System verallgemeinernder, theoretischer Auffassungen von der Welt und hat daher weltanschaulichen Charakter. Sie kann Orientierung für den sozialen, politischen, wissenschaftlichen, geistig-kulturellen, sittlich-ethischen und ästhetischen Lebensbereich des Menschen geben und begründen.

Was macht nun einen wissenschaftlichen Charakter von Philosophie als Grundlegung einer so begründeten Weltanschauung aus? Hierzu sind insbesondere vier Gesichtspunkte zu beachten:

1. das Verhältnis zu den Wissenschaften, zu den Natur-, Technik-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Steht die Philosophie im Widerspruch zu den Wissenschaften oder in wesentlicher Übereinstimmung? Stützt die Philosophie sich auf die Ergebnisse der Wissenschaften und verallgemeinert sie philosophisch? Befinden sich die Resultate der Wissenschaften im Widerspruch zu philosophischen Thesen?

2. das Auffassen der Welt, wie sie ist und sich einem jeden gibt. Befindet sich die Welt in einem eigenen oder in einem phantastischen Zusammenhang? Welchen Platz haben Aberglauben und Mystik für die Erklärung der Welt?

3. die Kraft menschlichen Denkens und die Erkennbarkeit der Welt. Lassen wir uns von einen Erkenntnisoptimismus leiten, dass grundsätzlich alles erkennbar sei? Oder bleibt ein "Ding an sich" oder eine agnostische Sichtweise? Wird im menschlichen Bewusstsein die materielle Außenwelt, die Wirklichkeit annähernd adäquat widergespiegelt bzw. abgebildet? Hat das menschliche Bewusstsein eine aktive Funktion, worin besteht sie?

4. der Grad von Humanität, Freiheit, sozialem und kulturellem Fortschritt. Wie und unter welchen Bedingungen gestalten sich die Möglichkeiten der weltanschaulichen Selbstbestimmung des Menschen und seiner realen Selbstentfaltung?

Humanistisches philosophisches Denken ist verbunden mit der Überzeugung, dass Ursprung, Sinn und Wert des Lebens und  der Welt in den ihr innewohnenden Gesetzmäßigkeiten zu finden sind, also keines irrational begründeten und übernatürlichen Schöpfers oder Erhalters bedürfen. Es charakterisiert unsere freigeistigen Gemeinschaften in ihrem praktischen Wirken, dass sie sich offensichtlich der weitreichenden ethischen, sozialen und kulturellen Konsequenzen aus dieser Lebenshaltung bewusst sind. In vielfältiger Weise ist für Aufklärung und für die Verbreitung der Einsicht zu wirken, dass sich die Konsequenzen aus der Erkenntnis der Endlichkeit, der Unwiederholbarkeit, der Einmaligkeit des Lebens nicht in Egoismus, Oberflächlichkeit oder Gewinnsucht erschöpfen dürfen. Existenziell wichtig ist eine Verantwortung der Menschen für ein friedliches und menschenwürdiges Leben auf der Erde und für einen toleranten Umgang miteinander. Humanistische Verantwortlichkeit von den globalen Problemen bis zu den individuellen Sorgen und Nöten prägt eine Lebenshaltung der tätigen Humanität.

Eine ausführliche Darstellung des Humanismus (und seiner Gegentrends) ist an dieser Stelle nicht leistbar. Der Inhalt des Begriffs Humanismus ist aus dem Lateinischen abgeleitet von humanitas, d.h. Menschlichkeit. Er geht vom menschlichen Bewusstsein aus und hat die Wertsetzung des Menschen zum Objekt. Dabei schließt er all dies aus, was ihn sich selbst entfremdet. Dies sind vor allem die Unterwerfung unter übermenschliche Mächte und Wahrheiten sowie die Nutzbarmachung menschlicher Ressourcen für unmenschliche Zwecke.

Es zeichnet sich ab, dass gerade der säkulare Humanismus mit der Menschenwürde und den Menschenrechten eng verbunden ist. Der Kampf um Würde und Rechte der Menschen ist ein herausragendes Anliegen freigeistiger Tätigkeit. Angesichts der unterschiedlichen Entwicklungen des Humanismus und manch scheinbarer Erfolge nichthumanistischer Bestrebungen scheint das Zusammenleben der Menschen, das auf humanistischen Grundwerten beruht, oft wenig Erfolg versprechend und für reales Handeln keine wirksame ethische Handlungsorientierung.

Seit fast 200 Jahren ist eine sich organisierende freigeistige humanistische Bewegung in Deutschland feststellbar. Höhepunkte dieser Bewegung sind im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und in der Mitte der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Trotz politischer Streitigkeiten und der permanenten Tendenz der Zersplitterung wurde die freigeistige Bewegung - national und international - zu dem Träger eines säkularen Humanismus. Erst die Zerstörung der freigeistig-humanistischen Organisationen zwischen 1933 und 1945 beendete vorerst diese Entwicklung, übrigens fast total. Nur wenige Aktive dieser Organisationen überlebten und fingen neu an.

Eine besondere Stärke des säkularen Humanismus ist die Hinwendung zu den praktischen Problemen der Menschen, zu einer realen Verbindung von weltanschaulich-ethischer Lebensorientierung und tatsächlicher tätiger Lebenshilfe. Der Zusammenhang von Demokratie, Freiheit, sozialer Gerechtigkeit, religiös-weltanschaulicher Toleranz und der Gleichstellung von Mann und Frau führt zu mehr Menschenwürde für alle. Humanismus verbindet sich mit der Gestaltung gewaltfreier sozialer Beziehungen, einem ausgewogenen Verhältnis mit der Natur, Garantien für Essen für die Hungernden, der Gleichberechtigung, der Erziehung und wissenschaftlichen Aufklärung gegen Aberglauben.

Literaturquellen:

Denis Diderot: Stichwort "Menschlichkeit". In: Artikel aus Diderots Enzyklopädie (8. Band, 1765). Leipzig 1972. S. 681.

Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen. Berlin, Göttingen, Heidelberg 1960. S. 1 f.

Maria und Franz M. Wuketits: Humanität zwischen Hoffnung und Illusion. Stuttgart 2001.

Franz M. Wuketits: Zivilisation in der Sackgasse. Murnau 2012.

Volker Mueller: Spuren im Wertewandel. Neustadt 2002. S. 13 – 22.

Volker Mueller: Ideelle Basis undogmatischer Lebensauffassungen. In: Humanismusperspektiven. Aschaffenburg 2010.