von Silvana Uhlrich-Knoll |
Unsere Menschenrechte können nicht ohne aktive Unterstützung überleben, das ist eine der Kernaussagen und Herausforderungen, die ich aus dem Weltkongress der Humanisten in Ottawa/Kanada mitnehme. Und die daraus abgeleitete Aufgabe des Widerstandes, unsere demokratische Welt an ihre Grundwerte zu erinnern. Es scheint eine zweite Aufklärungszeit anzubrechen bzw. befinden wir uns schon mittendrin. In einer Art dunklen Aufklärung suchen wir das Menschliche – die Geschichten der Menschen, die ihre Stimme erheben und erhoben haben. Humanismus ist dabei unserer moralischer Kompass, die Sprache des Miteinanders. Andere Meinungen auszuhalten, steht da an oberster Stelle, denn Humanismus bedeutet nicht, uniform zu sein. Auch wir müssen es aushalten können, andere Meinungen zu hören, um vielleicht zu verstehen, woher diese kommen und kluge Fragen zu stellen, um Skepsis und nachdenkliche Gedanken zu hinterlassen.
Auch wir können nicht mehr einer Vergangenheit nachtrauern, die es nicht mehr gibt. Wir müssen die Zukunft gestalten, egal wie viele kleine Schritte dazu nötig sind. Die westliche Welt scheint in einer Art zeitlicher Rückreise festzustecken. Menschen tun heute Dinge, die vor Kurzem noch unaussprechlich waren, für die sich jetzt aber nicht mehr schämen. Die Toleranzgrenze des Sagbaren ist weit verrutscht in eine erschreckende undemokratische Richtung. Zurück zu Traditionen, Altbekannten, aber nicht unbedingt Altbewährtem.
Selbst die Politiker in unseren Reihen des Kongresses sehen mehr und mehr die Gefahr eines Verlustes unserer Unabhängigkeit. So sehen sie alle, egal ob aus Norwegen, Island, England oder Kanada ihre Aufgabe darin, die vorhandenen Werkzeuge in der Politik zu benennen, zu benutzen, um daraus aktiv einen Wechsel zu implementieren.
Dazu gibt es gute Beispiele, wie es klappen kann. In Ungarn und Polen haben die Gegner der Demokratie das Band zu weit gespannt und nun ist es zurückgesprungen. Die Bürger der Länder waren nicht gewillt, alles mit sich machen zu lassen. Es haben sich Proteste formiert, und Wahlergebnisse zeigen deutliche Verluste und Niederlagen zu Vorhaben und kompromisslosem Verhalten.
So wird es auch unsere Aufgabe sein, die dunkle Aufklärung in eine neue Aufklärung zu verändern. Dabei ist es eher wichtig, politisch wie auch organisatorisch Werte und Normen zu vertreten, als die eigene Weltanschauung in den Vordergrund zu stellen. Der kleinste gemeinsame Nenner ist hier viel entscheidender.
Eine Frage treibt mich dennoch um: Die politischen Vertreter auf dem Podium waren sich einig, dass alle ihre Kolleg*innen diesen Job mit demselben Grundbedürfnis angefangen haben – ihr Land besser zu machen. Wenn es auch die falschen Werkzeuge sind, mit denen sie ihr Ziel erreichen wollen. Ich frage mich jedoch mit Blick auf unsere Parteienlandschaft schon, ob es wirklich darum geht, das Land besser zu machen oder nur die eigene Position, das eigene Leben, das Bedürfnis nach Macht und Privilegien zu verändern?
Wir sind gerne die kritischen Freunde. Das sind diejenigen, die nicht ein weiteres Problem auf den Tisch legen, sondern zu einem Problem versuchen, die Lösung zu finden.
Die aktuelle Lage fühlt sich weltweit überall unruhig und unausgeglichen an. Viele Sorgen, Ängste und das Gefühl, dass wir einen Schritt zurückgehen. Jedoch dürfen wir auch nicht außer Acht lassen, dass wir vorher zwei Schritte nach vorne gegangen sind. Auch wenn sich dies trotzdem wie ein Verlust anfühlt, geht es nicht immer ums Gewinnen. Es geht um die Weiterentwicklung der Menschheit. Dies darf man nicht zynisch sehen.
Was wir alle wissen, wird hier noch einmal als wichtiger Meilenstein benannt. Dass es wichtig ist, Beziehungen zu haben. Der Mensch ist ein soziales Wesen und wenn wir Beziehungen zu Menschen jeder Couleur eingehen und uns darauf einlassen, ist uns dieser Mensch auch nicht mehr (komplett) fremd. Etwas wird weniger fremd, indem du es normal machst. Alltäglich mit Menschen in Kontakt zu sein, ist besser, als mich vor der fremden Person zu fürchten, sie zu verachten und aus nichtssagenden Gründen abzulehnen.
Und mit dem Bild des besagten Schrittes ist Fortschritt immer noch Fortschritt. Denn frei nach Konfuzius ist es nicht wichtig, wie schnell du gehst, Hauptsache du bleibst nicht stehen. So ist der Vorschlag der Balance eine gute Grundlage für ein Miteinander. Wo können wir mit anderen aktiven Menschen aus Parteien, Vereinen und Institutionen zusammenarbeiten und einen besseren Umgang finden?
Wir haben vielleicht noch nicht das erreicht, was wir schaffen wollen, aber der kleinste gemeinsame Nenner kann uns dabei helfen. Demokratie als Freude, als Lebensgefühl, als Freiheit zu empfinden und zu zeigen – da gibt es noch sehr viel Spielraum.
Was ist nun für uns im humanistischen Feld wichtig? Es ist wichtig, dass wir einen Ort der Kommunikation schaffen, einen Platz, wo man dazu gehört und auch einen Raum, der bessere Antworten anbieten kann, um andere zu unterstützen und zu verteidigen. Denn Hoffnung wird auch zum Widerstand, wenn sie Menschen erreicht. Dazu muss sie gehört und gesehen werden. So ist jeder kleine Schritt, jede kleine Veröffentlichung, jede geschriebene Zeile, jedes Wort eine Art Widerstand. Es sind die Grundwerte unseres Seins – unsere Stimme erheben. Nicht zum Pöbeln, nicht zum bloßen Kommentieren ohne Nachdenken, sondern um eigenverantwortlich mit dem wichtigsten Gut umzugehen – unserer Stimme und unserem Wissen. Offene Arme anbieten, wo Wut, ein Gefühl von Verlorensein und die ausweglose Suche nach Unterstützung herrschen. Präsenz zeigen – digital, persönlich und auf Augenhöhe.
Durch Aktivitäten formen wir das Leben und bringen Menschen zusammen – auf Veranstaltungen unserer Netzwerke, auf Hochzeiten, Beerdigungen, Jugendfeiern und anderen Festen. Denn jeder von uns hat das Talent, etwas zu verändern, sich selbst oder eine bestimmte Sache. Auch die UN-Charta hat etwas ganz Besonderes erschaffen. Etwas, was vorher noch nie da gewesen ist. Einen Platz zu erschaffen für jeden, ohne Ausschluss, ohne Ausnahme. Wir müssen somit andere inspirieren, daran zu glauben, daran festzuhalten, daran zu arbeiten. Dazu brauchen wir das Wissen aus der Vergangenheit, um von den guten und auch schlechten Dingen zu lernen und um unsere Zukunft zu gestalten. Denn diese kennen wir noch nicht, diese wird durch unser Handeln erst kreiert. Lasst uns eine bessere Geschichte erzählen, eine die allen guttut.
Foto: Ottawa, Kanada - hier fand der World Humanist Congress 2026 statt, veranstaltet von Humanists International

