Was Hume uns über vernünftiges Denken beibringen kann: Zum 250. Todestag des Philosophen der Aufklärung

Aug. 10, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Ortrun Lenz |

Am 25. August 1776 starb in Edinburgh der schottische Philosoph David Hume. 250 Jahre später sind viele der Fragen, mit denen er sich beschäftigte, noch immer aktuell: Was können wir wirklich wissen? Worauf gründen wir unsere Überzeugungen? Wie sicher dürfen wir uns unserer Urteile sein? Und was bedeutet es überhaupt, vernünftig zu denken?

Aufklärung wird gern mit dem Vertrauen in die menschliche Vernunft verbunden. Der Mensch soll selbst denken, prüfen und urteilen, statt sich auf Autoritäten, Traditionen oder religiöse Dogmen zu verlassen. David Hume gehört ohne Zweifel zu dieser Tradition – und ist doch gerade deshalb besonders interessant, weil er auch der Vernunft selbst nicht blind vertraute.

Hume war Skeptiker. Allerdings nicht in dem Sinne, dass er glaubte, wir könnten überhaupt nichts wissen. Sein Skeptizismus richtete sich vielmehr gegen die Neigung des Menschen, aus begrenzten Erfahrungen allzu schnell Gewissheiten zu machen.

Erfahrung statt Gewissheit

Als Vertreter des Empirismus ging Hume davon aus, dass unsere Erkenntnis wesentlich auf Erfahrung beruht. Wir beobachten die Welt, erkennen Regelmäßigkeiten und ziehen daraus Schlüsse. Aber wie sicher sind diese Schlüsse? Wenn wir beispielsweise immer wieder beobachten, dass auf ein bestimmtes Ereignis ein anderes folgt, erwarten wir irgendwann, dass dies auch künftig so geschehen wird. Doch aus der bisherigen Regelmäßigkeit folgt nicht mit logischer Notwendigkeit, dass sie auch in Zukunft bestehen muss. Diese Erwartung ist für unser tägliches Leben unverzichtbar. Sie ist aber etwas anderes als eine logisch zwingende Gewissheit.

Eine der bleibenden Leistungen Humes ist es, dass er uns daran erinnert, zwischen Wissen, begründeter Annahme und bloßer Behauptung zu unterscheiden.

Finngeir Hiorth beschreibt in Humanismus – genau betrachtet Humes Skepsis gegenüber der Leistungsfähigkeit der Vernunft und greift dessen Gedanken auf, dass menschliches Wissen häufig nicht über Wahrscheinlichkeit hinauskommt. Das hört sich zunächst ernüchternd an. Tatsächlich steckt darin aber eine ausgesprochen vernünftige Haltung. Sie besagt nichts weiter, als dass die eigene Erkenntnis begrenzt ist. Deshalb muss man seine Überzeugungen keineswegs aufgeben. Man sollte lediglich bereit sein, sie zu korrigieren, wenn bessere Gründe oder neue Erkenntnisse dafür sprechen.

Zweifel ist Stärke

In öffentlichen Debatten entsteht heute häufig der gegenteilige Eindruck. Besonders überzeugend wirken oft diejenigen, die besonders entschieden auftreten. Ein „Das weiß ich nicht“ scheint weniger Gewicht zu besitzen als eine selbstbewusst vorgetragene Behauptung, sei sie auch noch so anfechtbar. Aber ein besonders sicheres Auftreten ist noch lange kein Beweis für die Richtigkeit einer Aussage.

Wenn man also vernünftig denken will, braucht man die Fähigkeit zum Zweifel – auch am eigenen Urteil.

In Atheismus – genau betrachtet beschäftigt sich der norwegische Philosoph Finngeir Hiorth unter anderem auch mit Richard Robinsons Verständnis von Vernunft. Dazu gehören Wahrheitsliebe und Folgerichtigkeit ebenso wie Wahrscheinlichkeit, Vorläufigkeit, die Achtung vor Beweisen und die Bereitschaft, sich der Kritik zu stellen. Damit ist Robinson hochaktuell. Es geht ja gar nicht darum, ständig an allem zu zweifeln. Immerzu alles radikal anzuzweifeln würde uns handlungsunfähig machen. Aber vernünftiges Denken verlangt, Überzeugungen grundsätzlich überprüfbar zu halten.

Eine einfache Frage kann dabei helfen: Was müsste geschehen, damit ich meine Meinung ändere? Lautet die Antwort darauf „nichts“, haben wir es wahrscheinlich nicht mehr mit einer vernünftig begründeten Überzeugung zu tun.

Vernunft braucht Erfahrung

Humes Denken bewahrt außerdem vor einem Missverständnis der Aufklärung: Vernunft bedeutet nicht, die Welt allein aus abstrakten Prinzipien erklären zu wollen. Vernünftiges Denken braucht Erfahrung, und Erfahrung muss durch Denken eingeordnet und geprüft werden. Hiorth verweist in seinem Buch Humanismus – genau betrachtet später auf Gaston Bachelards Vorstellung von Rationalität als einem Dialog zwischen Vernunft und Erfahrung.

Gerade die Wissenschaft lebt von diesem Wechselspiel. Beobachtungen führen zu Erklärungsversuchen, daraus entstehen Hypothesen, diese werden geprüft und gegebenenfalls korrigiert. Wissenschaftliche Erkenntnis ist deshalb nicht wertlos, weil sie revidierbar ist. Im Gegenteil: Ihre Bereitschaft zur Revision gehört zu ihren großen Stärken.

Die Kunst, sich nicht zu sicher zu sein

Eine der wichtigsten Lektionen Humes ist deshalb eine Art intellektueller Bescheidenheit. Wir können vieles wissen. Wir können gute Gründe für unsere Überzeugungen haben. Wir können zwischen besser und schlechter begründeten Behauptungen unterscheiden. Aber wir sollten nicht mehr Gewissheit beanspruchen, als unsere Gründe hergeben.

250 Jahre nach Humes Tod ist das keineswegs nur eine philosophische Frage. Wir leben in einer Zeit, in der täglich unzählige Behauptungen, vermeintliche Tatsachen und vorgefasste Urteile auf uns einströmen. Die Fähigkeit, deren Begründung zu prüfen, ist also durchaus wichtig. Aufklärung bedeutet schließlich nicht, auf jede Frage sofort eine Antwort parat zu haben. Sie bedeutet auch, unterscheiden zu können zwischen dem, was wir wissen, was wir mit guten Gründen annehmen, und was wir lediglich glauben.

Und manchmal gehört zum vernünftigsten Denken ein ausgesprochen einfacher Satz: „Ich weiß es nicht.“ Das entspricht auch der agnostischen Haltung gegenüber der Gottesfrage: Gibt es einen Gott oder gibt es keinen? Wir können es nicht mit Gewissheit wissen. Und es ist nicht die schlechteste Entscheidung, zuzugeben, dass man etwas nicht weiß, wenn man sich seiner Sache schlicht nicht sicher sein kann.

Literatur:

Finngeir Hiorth: "Atheismus – genau betrachtet" und "Humanismus – genau betrachtet"