Von verbotenen Früchten – oder Die Angst vor der Erkenntnis

Juli 9, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Ortrun Lenz |

Jeder von uns kennt die Erzählung vom Garten Eden, ganz gleich, ob wir daran glauben oder nicht. Adam und Eva leben im Paradies und dürfen fast alles, bis auf eines: Sie dürfen nicht von der Frucht des Baumes der Erkenntnis essen. Als sie es dennoch tun, werden sie aus dem Paradies vertrieben.

Seit Jahrhunderten gilt diese Geschichte als Sinnbild für Ungehorsam. Der Mensch überschreitet eine göttliche Grenze und muss die Folgen tragen. Doch man kann die Erzählung auch aus einer anderen Perspektive betrachten. Schließlich geht es bei der verbotenen Frucht nicht um Mord, Gewalt oder Diebstahl – Dinge also, deren Verbot unmittelbar einleuchtet. Nein, verboten ist ausgerechnet die Erkenntnis.

Der Mensch soll nach dieser biblischen Geschichte nicht selbst entscheiden dürfen, was gut und böse ist. Er soll sich auf von einem Gott vorgegebene Gebote verlassen und nicht weiter darüber nachdenken.

Wo Erkenntnis verboten wird, entsteht Abhängigkeit. Wer nicht fragen darf, muss glauben, was ihm von anderen gesagt wird. Wer nichts überprüfen darf, muss vertrauen. Wer nicht selbst urteilen soll, bleibt auf Autoritäten angewiesen.

Dieses Muster begegnet uns nicht nur in religiösen Überlieferungen. Immer wieder haben Herrschende versucht, den Zugang zu Wissen zu kontrollieren. Bücher wurden verboten, wissenschaftliche Erkenntnisse unterdrückt, unbequeme Fragen als gefährlich erklärt. Wer Zweifel äußerte, galt schnell als Bedrohung der bestehenden Ordnung.

Das hat einen einfachen Grund. Eigenständig denkende Menschen sind schwer zu lenken. Sie fragen nach Begründungen. Sie unterscheiden zwischen Behauptungen und bewiesenen Tatsachen. Sie akzeptieren Autorität nicht allein deshalb, weil sie Autorität ist.

Hier kommt der Humanismus ins Spiel. Humanismus liefert keine vorgefertigten Antworten, stattdessen regt er zum Fragen an. Er verlangt nicht nach Gehorsam, sondern nach Verständnis. Er traut dem Menschen zu, moralische Entscheidungen selbst zu treffen, und zwar nicht beliebig, sondern auf der Grundlage von Vernunft, Erfahrung und Verantwortung.

Anders als oft behauptet ist das keineswegs ein Freibrief für Beliebigkeit. Im Gegenteil. Wer sich nicht hinter göttlichen Geboten oder ideologischen Gewissheiten verstecken kann, trägt eine größere Verantwortung für sein Handeln. Er muss seine Entscheidungen begründen können. Er muss bereit sein, Argumente abzuwägen, Fehler einzugestehen und aus neuen Erkenntnissen zu lernen.

Humanisten widerlegen jeden Tag die Behauptung, dass es einfach nicht stimmt, was oft gesagt wird: dass es nämlich ohne Religion angeblich keine Moral gebe. Moral entsteht nicht erst dadurch, dass ein Gebot oder Verbot ausgesprochen wird. Menschen können Mitgefühl empfinden, Verantwortung übernehmen und gerecht handeln, weil sie die Folgen ihres Handelns verstehen und andere Menschen als gleichwertig anerkennen. Auch das gehört zur menschlichen Fähigkeit, Erkenntnisse zu gewinnen.

Paul Kurtz, einer der bedeutenden Vertreter des modernen Humanismus, hat einem seiner Bücher den Titel Verbotene Früchte – Ethik des Humanismus gegeben. Das ist kein Zufall. Für ihn steht die Frucht aus dem Garten Eden symbolisch für den Mut, selbst nach Erkenntnis zu suchen und ethische Fragen nicht (religiösen) Autoritäten zu überlassen. Eine humanistische Ethik entsteht dort, wo Menschen den Gebrauch ihrer Vernunft nicht als Gefahr betrachten, sondern als Voraussetzung verantwortlichen Handelns.

Natürlich macht Erkenntnis das Leben nicht immer einfacher. Wer selbst zu begründeten Schlussfolgerungen kommen möchte, muss oft mit Unsicherheiten leben. Keine letzte Instanz nimmt einem Entscheidungen ab. Wer es gewohnt war, sich auf ein göttliches Gebot zu verlassen, empfindet es vielleicht als belastend, plötzlich Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Während nämlich Religionen Unterordnung und Gehorsam verlangen, ist in einer humanistischen Weltanschauung die eigene Urteilskraft gefragt. Aber letzten Endes ist das ein befreiendes Gefühl. So empfinden es jedenfalls Humanisten.

Wenn man sich umschaut, kann man auf die Idee kommen, dass heute wieder viele Menschen gern Verantwortung abgeben würden. Nach dem Motto: Kann mich irgendwer an die Hand nehmen und mir den Weg zeigen? Ob das ein Gott oder ein Ministerpräsident sein soll, kommt auf den jeweiligen Fall an. Verschwörungserzählungen gedeihen zurzeit ebenso wie ideologische Gewissheiten, und oft genug gilt anscheinend: Es gibt nur schwarz oder weiß, rechts oder links, 100 oder 0 Prozent - entscheide dich! Doch es gibt auch noch Menschen, die fähig sind, die Abstufungen dazwischen zu erkennen, und das ist auch gut so. Das ist aber auch nur möglich, wenn Fragen nicht unterdrückt werden.

Die „verbotene Frucht“ könnte deshalb heute etwas ganz anderes symbolisieren als den Sündenfall. Sie steht für die Bereitschaft, selbst zu denken und den Mut, Behauptungen zu hinterfragen. Damit kommt fast automatisch auch die Einsicht, dass Erkenntnis kein Feind der Moral ist, sondern ihre Voraussetzung.

Die eigentliche Aufgabe des Menschen besteht also nicht darin, verbotene Früchte zu meiden. Sie besteht darin, den Mut zu haben, selbst zu denken – und verantwortungsvoll mit dem Wissen umzugehen, das daraus entsteht.