Kulturraum Europa

Mai 6, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Dr. Volker Mueller

Europa (altgriechisch Εὐρώπη, Eurṓpē) ist, geographisch gesehen, ein Subkontinent, der mit Asien zusammen den Kontinent Eurasien bildet. Europa wird, historisch und kulturell begründet, meist als eigenständiger Kontinent betrachtet. Dies verweist darauf, dass sich der Begriff „Europa“ nicht in der geographischen Definition erschöpft, sondern sich auch auf historische, kulturelle, politische, wirtschaftliche, rechtliche und ideelle Aspekte bezieht. /1/

Älteste Nachweise von Vertretern der Gattung Homo stammen derzeit aus der Sierra de Atapuerca in Spanien und sind bis zu 1,2 Mio. Jahre alt. Im nordalpinen Europa beginnt der älteste Besiedlungshorizont mit Homo heidelbergensis vor ca. 600.000 Jahren. Erst vor ca. 40.000 Jahren gelangte Homo sapiens nach Europa und ersetzte nach und nach den Neandertaler. Mit der Jungsteinzeit und der Bronzezeit begann in Europa eine lange Geschichte großer kultureller und wirtschaftlicher Errungenschaften, zunächst im Mittelmeerraum, dann auch im Norden und Osten.

Mit über 700 Millionen Einwohnern, die auf einer Fläche von etwa 10,5 Millionen Quadratkilometern leben, gehört Europa zu den dicht besiedelten Teilen der Erde. Europa ist stark urbanisiert.

Nach der griechischen Mythologie war Eurṓpē der Name einer phönizischen Königstochter, die Zeus, in Stiergestalt schwimmend, nach Kreta entführte und dort verführte. Dieser Name stammt nach Auffassung von Etymologen aus einer semitischen Sprache und wurde dann gräzisiert. Diskutiert wird eine Herkunft vom akkadischen erebu „untergehen“ (bezogen auf die Sonne) oder auch vom phönizischen erob „Abend, Westen“, sie nähert sich dem Begriff „Abendland“.

Im 5. Jahrhundert vor der Zeitrechnung bezog der griechische Schriftsteller und Geograph Herodot den Begriff Eurṓpē, der sich als geographischer Terminus damals nur auf die Peloponnes bezogen hatte, auf die Landmassen nördlich des Mittelmeers sowie des Schwarzen Meers, die er so von den Landmassen Asiens und Afrikas unterschied.

Mehr als 90 Prozent der Einwohner Europas sprechen heute indogermanische Sprachen. Am weitesten verbreitet sind slawische, germanische und romanische Sprachen. Auch Griechisch, Albanisch, die baltischen und keltischen Sprachen sowie das Romani zählen zu den indogermanischen Sprachen.

Bildhauerei, Malerei, Literatur, Architektur und Musik haben in Europa eine lange Tradition. Viele Städte, wie beispielsweise Paris, London, Wien, Rom, Athen, Berlin, Prag, Warschau, Stockholm, Madrid und Moskau werden als kulturelle Zentren betrachtet. Außerdem besitzen viele Städte wichtige Theater, Museen, Orchester und weitere bedeutende Kultureinrichtungen.

Seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wachsen die Kulturen Europas verstärkt zusammen, was sich zum einen durch Institutionen, aber auch durch die Bevölkerungs- und Wirtschaftsschwerpunkte zeigt. Zu Europa gehören heute 49 souveräne Staaten, von denen zurzeit 28 Staaten die Europäische Union bilden.

Steht die Europäische Union für Frieden, Demokratie, Freiheit und Wohlstand? /2/ Die EU tritt in der allgemeinen Wahrnehmung fast nur im Krisenmodus auf. Dafür genügt es, die Schlagwörter „Brexit“, „Eurokrise“ und „Flüchtlingskrise“ in die Debatte zu werfen.

Hat die deutsche Regierung mit ihrem Verhalten die Risse im Fundament des europäischen Vereinigungsprozesses vergrößert? Die Symptome der EU-Krise sind vielfältig und schnell benannt – aber wofür stehen sie? Ist der Europäische Gedanke weiterhin tragfähig; welche Werte trägt die EU? Diese und andere Fragen öffnen den Blick für die komplizierte Geschichte Europas und verweisen darauf, dass bedeutende Territorien unseres Kontinents jahrhundertelang nicht nach Wien, Paris oder London ausgerichtet waren, sondern nach Rom, Konstantinopel oder Moskau. Und wenn angesichts der Krise der EU über die Geschichte Europas von den „Rändern“ her nachgedacht wird, muss auch Russland als eine Großmacht in den Fokus der Betrachtung eingeschlossen werden. Dann stellt sich heraus, dass die alten Fragen nach dem Verhältnis von Russland zu Europa und von Europa zu Russland neu diskutiert werden müssen.

Die europäische Politik verschränkt sich mit dem gegenwärtigen Umbruch der Weltordnung und mit den Globalisierungsprozessen. Der „atlantische Block“, wie er sich nach dem Zweiten Weltkrieg unter Führung der USA herausgebildet hatte, scheint zerbrochen. Die Frage nach den Beziehungen der EU zu China, zu einem Land also, in dem sich eine stürmisch wachsende kapitalistische Marktwirtschaft mit dem Gewaltmonopol seiner Kommunistischen Partei verbindet, weist auf mehrfach widersprüchliche Konstellationen. Einerseits fürchtet man in Europa China als Konkurrenten und will es kleinhalten. Andererseits bietet den europäischen Unternehmen der chinesische Markt auch große Gewinnchancen. Jede Investition in China aber trägt dort zur weiteren ökonomischen Entwicklung bei.

Rechte und populistische Kulturkämpfer, liberale Reformer und kritische, linke Europäer haben verschiedene Szenarien zur Krisenbewältigung entwickelt. Welche sind das? Verfügt die gegenwärtige Union überhaupt über einen ethischen Wertekonsens des kulturellen Zusammenhalts, die demokratischen Strukturen, die wirtschaftlichen und sozialen Ressourcen und das rechtsstaatliche  Instrumentarium, um ihre komplexe und tiefgehende Krise zu lösen? /3/

Der deutsche Schriftsteller und Philosoph der Romantik Novalis (1772 – 1801) betitelte seine berühmte Rede von 1799 schlagwortartig mit „Europa“. Der Titel der Druckfassung lautete allerdings: „Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment“. Sie stellt seinen Beitrag zur zeitgenössischen Diskussion über die Zukunft des europäischen Kontinents dar. Angetrieben wurde sein Beitrag durch den Umbruch, welcher im Zuge der Französischen Revolution gegen Ende des 18. Jahrhunderts Europa erfasst hatte. Als Novalis den Text schrieb, war Papst Pius VI. gestorben. Eine Neuwahl des Papstes wurde durch die Franzosen verboten, die römisch-katholische Christenheit war somit ohne Oberhaupt. Die Krise Europas wurde durch den drohenden Krieg gegen Frankreich verstärkt. Der Kontinent stand somit an einem Entscheidungs- und Wendepunkt. Dieser wurde in Novalis’ Verständnis als eine Möglichkeit zum Eintritt in ein besseres Zeitalter gesehen. Seinen Vorstellungen zufolge kann aus der Asche Europas ein neues, besseres Europa entstehen. Das letztendliche Ziel ist für Novalis eine Regeneration Europas und ewiger Frieden durch eine neue Religion. Novalis sah in seiner Gegenwart bereits Zeichen der Wende, beispielsweise in der Entwicklung der Wissenschaften gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Am Ende seiner Rede wurde der Wunsch nach Universalismus ausgedrückt. Novalis forderte eine kirchliche Institution, die keine Rücksicht auf die Landesgrenzen nimmt und somit eine engere Verbindung der europäischen Staaten hervorbringt. Die neue, dauerhafte und von konfessionellen Schranken befreite Kirche, eine Verbindung von Christentum und Naturphilosophie, soll an die Stelle des Papsttums und des Protestantismus treten. Hiermit ist jedoch nicht so sehr ein institutionelles Gebilde gemeint, sondern eine Friedensgemeinschaft. Diese europäische Friedensgemeinschaft wäre der erste Schritt zu einer Weltgemeinschaft. /4/

Novalis forderte „ächte Freiheit“.

Literatur:

/1/        www.wikipedia: Europa (Stand: 22.05.2019). Vgl. Gunter Willing (Hg.): Ist Europa noch zu retten? In: Schriftenreihe der Freien Akademie. Band 39. Berlin 2020.

/2/        Volker Mueller: Abenddämmerung der westlichen Demokratien und Rechtsstaatlichkeit. In: Horst Prem: Integrieren statt Separieren. Klingberger Reihe Nr.: 12. Neu-Isenburg 2018; Horst Prem und Volker Mueller (Hg.): Ist Europa noch zu retten? Plädoyer für eine soziale Bildungspolitik. In: Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Heft 22. Berlin Hannover 2006; Dies.: Für ein Europa der Bürger! In: Schriftenreihe. Heft 18. Berlin Hannover 2003; Dies.: Grundrechtecharta für Europa. In: Schriftenreihe. Heft 15. Pinneberg 2001.  

/3/        Edgar Grande: Schleichender Umbau. Das neue Europa und seine Krisen. In: WZB Mitteilungen. Heft 160. Berlin Juni 2018. S. 6 – 8; Christian Kreuder-Sonnen: Europas doppeltes Demokratieproblem. Defizite von EU und Mitgliedsstaaten verstärken sich gegenseitig. In: Ebd. S. 13 – 16; Marcus Spittler: Rechtspopulismus in Europa. Ist die Demokratie in Gefahr? In: Ebd. S. 24 – 26.

/4/        Novalis/ eigentlich Georg Philipp Friedrich von Hardenberg: Christenheit oder Europa. In: Ders.: Werke in einem Band. Berlin und Weimar 1983. S. 336f. und 345f.