Wir irren uns öfter, als wir denken – und unser Verstand hilft kräftig dabei

März 24, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Ortrun Lenz | 24.03.2026

Wir halten uns gern für vernünftig. Für Menschen, die ihre Überzeugungen nicht einfach aus der Luft greifen, sondern sich ein Bild von der Welt machen, das auf Erfahrung, Beobachtung und – selbstverständlich! – auch auf ein paar Fakten beruht. Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass dieses Bild erstaunlich stabil wirkt, fast zu stabil. Wir wissen genau, wie die Welt tickt, ist doch klar. Und woher wissen wir das? Ganz einfach: Wir ändern unsere Überzeugungen nicht besonders gern. Und noch weniger gern stellen wir sie ernsthaft infrage. Stattdessen passiert etwas anderes: Wir beginnen, die Welt so zu sortieren, dass sie zu uns passt. Ja, auch wir Freigeister sind nicht davor gefeit, uns unsere kleinen Dogmen zu leisten.

Ein klassisches Beispiel kennt jeder, der schon einmal in eine politische Diskussion verwickelt war. Zwei Menschen lesen denselben Artikel, fühlen sich beide bestätigt, kommen aber zu völlig unterschiedlichen Schlüssen. Haben sie denn nun beide in Wirklichkeit gar nicht denselben Text gelesen? Doch, es war derselbe Artikel. Und dennoch zieht jeder seine ganz eigenen Schlüsse daraus. Das ist kein Zufall, sondern ein häufig beobachteter Mechanismus. Wir glauben zwar gern, dass wir nachdenken, um die Wahrheit herauszufinden, tatsächlich suchen wir aber nach Bestätigung. Psychologen nennen das den Bestätigungsfehler: die Neigung, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie zu den eigenen Überzeugungen passen.

Man kann das im Alltag ständig beobachten, wenn man einmal darauf achtet.

Wer überzeugt ist, dass „die Medien ohnehin einseitig berichten“, wird in jeder Nachricht genau die Passagen finden, die diesen Eindruck verstärken. Wer glaubt, dass ein bestimmtes gesellschaftliches Problem übertrieben wird, wird vor allem Beispiele wahrnehmen, die diese Einschätzung stützen und die anderen schlicht übersehen. Oder ein ganz banales Beispiel: Man hält eine bestimmte Ernährungsweise für besonders gesund und beginnt plötzlich, überall Artikel, Erfahrungsberichte und Studien zu finden, die genau das bestätigen. Dass es auch gegenteilige Ergebnisse gibt, fällt einem dann entweder gar nicht auf oder es wirkt weniger überzeugend und wird als unwichtig abgetan. Noch deutlicher wird es bei Dingen wie Horoskopen. Sie sind oft so formuliert, dass man fast zwangsläufig etwas darin wiedererkennt. Wer daran glaubt, wird hinterher immer Ereignisse finden, die „genau dazu passen“. Und wer nicht daran glaubt, wird denselben Text als vage und beliebig empfinden. Zwei Personen lesen also dasselbe, sehen und interpretieren es aber jeweils anders und ziehen daraus daher nicht dieselben Schlüsse.

Selbst in völlig harmlosen Situationen funktioniert dieser Mechanismus. Man hört einen neuen Begriff, und schon begegnet er einem ständig (wenn man Pech hat, auch noch in falschen Zusammenhängen, wie beispielsweise „woke“ inflationär benutzt und durchaus nicht immer richtig verwendet wird). Oder man achtet zum ersten Mal bewusst auf ein bestimmtes Auto, und plötzlich scheint es überall aufzutauchen. Wir haben das früher mit der grünen Ente gespielt: Sah man eines dieser witzigen französischen Autos in Grün als Erster, durfte man den Freund in den Arm kneifen. Und plötzlich war das Land voller grüner Enten – und die Arme voller blauer Flecken. Als hätte sich die Welt verändert, obwohl sich in Wahrheit nur die eigene Aufmerksamkeit verschoben hatte.

Was man sieht, ist nie einfach „die Realität“. Es ist immer auch das, worauf man vorbereitet ist, worauf man achtet, was man erwartet. Und genau hier wird es problematisch. Diese Art zu denken ist schließlich nicht nur eine kleine Marotte. Sie kann ganze Weltbilder zementieren. Religiöse Deutungen sind ein gutes Beispiel dafür: Wer einmal gelernt hat, Ereignisse als Zeichen oder göttliche Fügung zu verstehen, wird immer wieder Bestätigungen dafür finden. Glück wird zum Beweis, Zufällen wird plötzlich enorme Bedeutung beigemessen und Zweifel sind unangenehme Prüfungen von oben. Das System liefert sämtliche Bestätigungen gleich selbst mit.

Außerhalb von Religion funktioniert das allerdings genauso. Verschwörungserzählungen leben geradezu davon, dass sie sich gegen Widerspruch immun machen. Ein typisches Beispiel: Jemand ist überzeugt, dass „die Medien gesteuert sind“. Wird ihm widersprochen oder werden Gegenargumente geliefert, gilt das nicht als Einwand, sondern als Bestätigung – denn wer widerspricht, ist in diesem Denken bereits Teil des Systems oder wurde zumindest von ihm beeinflusst. Oder nehmen wir die Vorstellung, hinter politischen Entscheidungen stecke im Verborgenen eine kleine, mächtige Gruppe. Tauchen Fakten auf, die dagegen sprechen, werden sie nicht als Korrektur akzeptiert, sondern als gezielte Täuschung interpretiert. Und wer diese Fakten vorbringt, macht sich damit verdächtig.

So entsteht ein geschlossenes Weltbild, in dem es keinen echten Widerspruch mehr geben kann. Alles, was von außen kommt, wird entweder passend umgedeutet oder von vornherein abgewertet. Kritik verliert damit ihre Funktion – sie wird nicht mehr geprüft, sondern automatisch einsortiert. Genau darin liegt die eigentliche Stärke und zugleich Schwäche solcher Denkweisen: Sie machen sich unempfindlich gegen Korrektur. Und genau deshalb ist freies Denken so anspruchsvoll.

Es bedeutet nämlich nicht einfach, „anders“ zu denken oder sich von bestimmten Traditionen zu lösen. Es bedeutet vor allem, auch sich selbst nicht blind zu vertrauen. Das klingt unbequem, und das ist es auch. Denn es heißt, die eigenen Überzeugungen nicht nur zu verteidigen, sondern sie auch einmal von der anderen Seite zu betrachten. Sich zu fragen: Was spricht eigentlich dagegen? Was würde jemand sagen, der meine Ansicht für falsch hält – und hat er vielleicht in einem Punkt recht? Das widerspricht unserer spontanen Intuition. Unser Denken ist darauf ausgelegt, schnell zu urteilen und dabei möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Es wäre schlicht zu aufwendig, jede Überzeugung ständig neu zu überprüfen. Aber genau deshalb lohnt sich diese Anstrengung.

Freies Denken heißt eben nicht immer nur, Althergebrachtes zu hinterfragen, sondern auch seine eigenen Gewissheiten nicht als in Stein gemeißelt zu betrachten. Man sollte nicht allem automatisch zustimmen, was so schön bequem ins eigene Weltbild zu passen scheint. Und vor allem auch andere Ansichten immer wieder zuzulassen, zumindest nicht sofort abzulehnen. Möglicherweise ist eine neue Sicht nicht zwingend falsch. Das mag jetzt unspektakulär klingen, ist aber notwendig, um demokratische Prozesse nicht zu behindern und nicht in dieselben alten Muster zu verfallen, die beispielsweise religiöse Dogmen für alle Ewigkeit als unumstößlich hinstellen wollen.

Freies Denken ist nicht immer bequem, es kann richtig Arbeit machen. Aber es hat einen entscheidenden Vorteil: Es ermöglicht Veränderung, Entwicklung und Fortschritt. In unserer Umwelt gibt es keinen Stillstand, weder in der Natur noch in den menschlichen Gesellschaften. Freies Denken macht offen und flexibel für Neues und hilft, sich nicht an Gewissheiten festzuklammern, die der Wirklichkeit längst nicht mehr standhalten.