Ethische Werte für eine ungewisse Zukunft

Feb. 24, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Dr. Volker Mueller | 24.02.2026

Viele Menschen empfinden heute eine allgemeine Krise, sehen gesellschaftliche Krisenerscheinungen globalen Ausmaßes. Politik kann offensichtlich die aktuellen Probleme im Zusammenleben der Menschen nicht nachhaltig lösen. Die Ökonomie agiert zunächst rational und schrankenlos global, ohne besondere Rücksichten auf menschliche Existenz zu nehmen. Es wird höchstens beachtet, dass die benötigte Arbeitskraft hauptsächlich der Mensch ist und bleibt, auch wenn sich die Stellung des Menschen im Produktionsprozess wesentlich verschoben hat. Befinden sich angesichts unsicherer Zukunftserwartungen auch Sinnstiftung, Ethik, werteorientiertes Solidarverhalten, Halt und Geborgenheit in der Krise? Und die Erziehung der jungen Menschen nach ethischen Grundsätzen ebenfalls?
 Die Zukunft in Frieden und Freiheit ist ungewisser denn je. Wir haben aber auch Klarheiten bei der Wichtigkeit folgender Werte: Flexibilität, Mobilität, Kommunikationsbereitschaft und -fähigkeit, Bildungskompetenzen. Langfristig ist ökonomische und politische Macht nur sicherbar durch mehrheitliche Identifikation und Teilhabe der Menschen an ihr. Wir sind angehalten, Ethik als produktive Kraft der Zukunft zu entdecken!
 Der Umbruch in der Arbeitswelt, die dramatische Verschiebung der Alterspyramide in Deutschland und die gegenwärtige Wertedynamik führen letztlich auch zu der Frage nach der menschlichen Identitätsentwicklung und nach den künftigen Möglichkeiten einer ethisch bewussten Lebensgestaltung. Wir stellen Defizite fest, die ethischen Orientierungen zeitgerecht und zukunftslebendig zu erfassen, darzustellen und zu vermitteln. Zugleich gibt es Mängel, das individuelle und gemeinschaftliche Leben werteorientiert und normgerecht im Zuge der radikalen Veränderungen in unserer Arbeits- und Freizeitgesellschaft zu gestalten. Nicht unwichtig sind ebenfalls die subjektiven Befindlichkeiten des menschlichen Subjekts in seiner sich wandelnden Identität sowie die Entwicklungen und das Solidarverhalten zwischen den Generationen.
 Wir erfahren eine neue Lebenssituation durch die vielfältigen Globalisierungsprozesse, die durch die Internationalisierung des Kapitals, der Märkte und des Handels, durch die weltweite Ausnutzung der Ressourcen der Erde sowie durch die Veränderungen der Stellung des Menschen in den wirtschaftlichen Verhältnissen gekennzeichnet sind. Was heißt dies für unsere menschliche Identität? Die Überwindung eines nur regionalen und nationalstaatlichen Denkens und Handelns geht einher mit der Entstehung der Haltung, dass wir Europäer und Weltbürger geworden sind - mit denselben grundsätzlichen Lebensansprüchen und Problemen. Die globalen Probleme werden deutlich mittels Medien, Kommunikation, Massenarbeitslosigkeit, Kulturkämpfen, Ökologie / Umweltprobleme, Verhältnis von Krieg und Frieden, der Zunahme von Hunger und Armut u.a.. Daher steht die Entwicklung gemeinsamer Lebensstrategien und kosmopolitischer Problemlösungen zunehmend im Vordergrund. Dies heißt auch, gemeinsame ethische Grundlagen zu erörtern und zu vereinbaren, d.h. Werte und Normen weltbürgerlichen Zusammenlebens intensiv zu gestalten und zu sichern. Allerdings sind wir hierbei noch am Anfang.

Debatten um Humanismus, um die Gestaltung einer sich selbst prägenden humanistischen Gesellschaft, in der Werte und Normen freiheitlich und demokratisch vereinbart sind und allgemeingültigen Charakter erworben haben, sind kritisch danach zu befragen, ob sie Lebensperspektiven für junge und für alte Menschen eröffnen und sichern können.Globalisierung und Weltbürgertum prägen mehr und mehr unseren Alltag. Das "globale Dorf", in dem wir leben, führt alle Teile der Erde bzw. die Mehrheit der Menschen durch die Medien und die Verkehrsmöglichkeiten näher zueinander. Es werden aber schon seit geraumer Zeit auch Probleme sichtbar, die mehr oder weniger alle berühren und die nicht mehr nur lokal begrenzt sind. Auch sie führen uns zusammen. Wir stehen vor der Situation, Sichtweisen zu entwickeln, die die Zusammenhänge und das Ganze erfassen. Bisheriges ist genauer zu hinterfragen, bisher gültige Erkenntnisse und Urteile sind kritisch zu beleuchten. Wir beginnen schon seit einigen Jahren, wirklich umzudenken und die globalen Probleme in qualitativ neuen Dimensionen zu verstehen - und vor allem neue Herangehensweisen an unser Leben und die Zukunft zu entwickeln.
 Auch in unseren freigeistigen Vereinigungen diskutieren wir über eine Identitätswende im menschlichen Zusammenleben und die damit verbundene weltgeschichtliche Epoche tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Weltbürgerliches Bewusstsein entsteht als Voraussetzung für den homo humanus. Im 21. Jahrhundert erfährt die Weltbürgerlichkeit angesichts der Globalisierungsprozesse eine neue Qualität. Es entstehen Probleme, die sich nicht mehr lokal, national oder kontinental lösen lassen. Es entwickelt sich eine neue Verantwortung für uns Menschen, die nur aufgrund eines weltbürgerlichen Bewusstseins erfasst und getragen werden kann.
 Ich sehe hier vor allem folgende wesentliche Gesichtspunkte, die ich globale Probleme nenne:

1. Der Umgang mit der Möglichkeit, die Erde vollständig zu vernichten und mit den Massenvernichtungswaffen alles Leben auf unserem Planeten zu zerstören, bleibt ein Kardinalproblem. Diese Gefahr ist größer geworden. Hinzu kommt der internationale Terrorismus. Der Frieden ist nur weltweit auf Dauer sicherbar und mit dem elementaren Recht auf Leben direkt verbunden.2. Die Zerstörung der Natur und unserer Umwelt nimmt weiter zu. Trotz vieler Initiativen und eines allmählichen Umdenkens ist eine reale Wende zu ökologischer Sicherheit und zum weltweiten ökologischen Umbau der Industriegesellschaft und Wirtschaftsordnung nicht in Sicht.

3. Globale soziale Widersprüche durch Unterentwicklung und Ausbeutung des größten Teils der Erdbevölkerung führen zu Hunger, Elend und Tod, zu Massenarbeitslosigkeit und Existenzängsten. Rezessive Prozesse in der Weltwirtschaft und die Ungleichheiten in der Weltwirtschaftsordnung haben zur allgemeinen Krise der Arbeitsgesellschaft geführt.  Was ist zu tun? Noch zu wenig werden politikrelevante Strukturen verändert, die diese globalen Probleme einer Lösung zur Bewahrung der menschlichen Kultur und der Natur zuführen können. Fraglich wird ein auf Arbeit beruhendes Gemeinwesen, wenn es so stark mit der Entwicklung von Destruktivkräften verbunden wird. Fraglich wird der Mensch, der seine durch Tätigkeit geschaffene Kultur und seine gesamte Existenz vernichten kann und schon vernichtet. Fraglich ist eine Ethik, die friedliche, ökologische Arbeitstätigkeit und darauf bauende humanistische Werte nicht bejaht, schützt und fortführt. Fraglich wird eine kosmopolitische Utopie, die ohne den für das Gemeinwesen tätigen Menschen keinen Sinn mehr macht.
 Es entsteht eine neue Dimension von Hoffnung und Verantwortung. Nur mit einem ganzheitlichen Herangehen und mit weltbürgerlichem Bewusstsein sind die globalen Probleme lösbar. Nur eine globale Verantwortung, die entsteht aus der Verantwortung aller Menschen, wenigstens seiner übergroßen Mehrheit, führt zu grundlegenden Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Moral. Doch wir dürfen nicht warten, bis sich im Großen etwas tut, uns herausreden, dass wir als Einzelne nichts tun können, denn im millionenfachen Kleinen beginnt die Wende, die zugleich eine Identitätswende für die Menschheit sein kann.
 Die Globalisierung und Europäisierung haben uns keinen Werteverlust, sondern eine Wertevielfalt beschert. Geht man davon aus, dass sich entsprechend den gesellschaftlichen Umbrüchen auch die innere Verfasstheit der Gesellschaft und damit die Strukturbeziehungen zwischen den Werten radikal ändern, muss man sich auf einen vollständigen methodischen Neuansatz zur Beschreibung von Werten und Wandlungstendenzen einlassen. Wie aber sich einen lebenslangen Wertehimmel abstecken, wenn es kaum mehr Sterne gibt, die sich klar unterscheiden, die ewig dauern und die trefflich den Weg leuchten?

Wenn sich das Firmament als großes neues Durcheinander „outet“ und die großen Sterne in loser Folge zu verglühen scheinen, um an völlig anderen Orten vervielfacht wieder aufzutauchen, fällt es nicht leicht, sich zu orientieren.Ethische Werteerziehung unterliegt dem kulturellen und zeitgeschichtlichen Wandel. Jenseits des Wertekanons unteilbarer und fürs funktionierende Zusammenleben auch unabdingbarer menschlicher Grundrechte und Grundpflichten gibt es nichts Statisches. Persönliche Werthaltungen sind zum Prozess geworden. Der allgemein verbindliche alte Wertekosmos ist passé, es gilt das Kantische „moralische Gesetz in mir“ - und zwar bis auf Weiteres.
 Wie aber sieht der neue Kompass für den persönlichen „Wertekosmos“ aus? Werte sind Vorräte an gesellschaftlich und persönlich Wünschbarem, sind potenzielle Orientierungsmuster. Sie sind keine konkreten Handlungsvorgaben, keine Normen, sie sind auch nicht einklagbar. Werte sind individuelle Vorstellungen davon, was erstrebenswert sei und damit allgemeine Anhaltspunkte, an denen sich menschliches Verhalten orientieren kann. Während Normen vorrangig zwischen den Menschen wirken und als „Gebrauchsanweisung“ für den zwischenmenschlichen Umgang unser Verhalten strukturieren, sind Werte in den Menschen. Und dies erschwert es außerordentlich, sie empirisch zu erfassen.
 Die Lebenslagen moderieren Werte:

- einmal durch die objektive Lebenssituation und vorhandene räumliche und zeitliche Ressourcen einschließlich der materiellen Ausstattung und des Grades von Zukunftsabsicherung und sozialer Einbindung- zum anderen durch die subjektive Wahrnehmung dieser Lebenssituation, die eigene Lebenszufriedenheit, etwa mit der finanziellen Ausstattung und mit den  Wohnverhältnissen, mit der Atmosphäre in der Familie, mit dem Bekannten- und Freundeskreis, mit den persönlichen und gesellschaftlichen Zukunftsaussichten.
 Menschenwürde und Menschenrechte sowie die sich daraus ergebenden Menschenbilder sind für uns Grundlage für die Gestaltung von Lebensqualität und Humanität, auch von Naturschutz, Energiepolitik und Ökonomie. Arbeit, demokratische Grundwerte und Freiheitsrechte vernetzen sich mit sozialen Menschenrechten.
 Dass junge Leute in Deutschland heute ziemlich nüchtern und illusionslos ihre eigenen Chancen und Risiken innerhalb des vereinten Europa einschätzen und mit der Ambivalenz ihrer Zukunftserwartungen recht pragmatisch umzugehen wissen, lässt sich daran ablesen, dass sie ihre persönlichen Lebensziele, Werte und Vorstellungen in der Regel hochhalten und auch ihr Handeln daran ausrichten - sofern sie sich selbst dadurch nicht in ihren Lebensläufen behindern.
Die Idee der Humanität oder der Menschlichkeit ist eine der herausragenden Leistungen unserer Kulturgeschichte. „Menschlichkeit“ und „menschlich“ bezeichnen, wie uns schon die Alltagssprache verdeutlicht, freilich nicht einfach gegebene Merkmale oder Eigenschaften des Menschen oder seines Verhaltens. Denn zu diesen Merkmalen zählen auch solche, die wir als „unmenschlich“ charakterisieren - und die unseren Vorstellungen davon, wie der Mensch sein soll, widersprechen. Für das Verhalten mancher Menschen fallen uns daher nur Ausdrücke ein wie „tierisch“ oder „bestialisch“. Was uns an unserer Spezies nicht passt, solle auch gefälligst nicht „menschlichen“ Ursprungs sein. „Edel, hilfreich und gut sei der Mensch, denn das allein unterscheidet ihn von allen anderen Wesen, die wir kennen.“ Goethe hat es also gewusst. Dabei hätte er, was Forderungen an die Humanität betrifft, besser etwas leiser auftreten sollen. Als Minister hat der Dichterfürst nämlich allerlei böse Intrigen gesponnen und war auch in seinem privaten Umgang keineswegs einfach „edel, hilfreich und gut“. Doch sei's drum: Wegweiser müssen den Weg, den sie uns weisen, bekanntlich nicht gehen. Aber das Dilemma zeigt sich hier allemal: Es ist einfach, das Gute zu fordern, aber nicht ganz so einfach, danach zu leben.
 Natürlich sind wir alle empört, wenn wir Zeugen inhumaner oder unmenschlicher Handlungen werden. Aber Vorsicht! Dient die Humanität nicht häufig auch als Vorwand für Unmenschlichkeit? In der Tat muss uns ein kritischer Blick auf die Geschichte und das aktuelle politische Geschehen mit dem Eindruck zurücklassen, dass Humanität nicht nur häufig mit Füßen getreten wird, sondern auch als Rechtfertigung für Inhumanität (die dann freilich nicht als solche deklariert wird) dienen muss. Ein Konsens wird sogar recht leicht gefunden. Er lautet etwa so: „Es gibt Menschen, die von Humanität nichts halten, sodass wir sie bestrafen oder beseitigen müssen“. Die Todesstrafe, die nach wie vor in etwa einhundert Staaten existiert und teilweise vollstreckt wird, legt ein ebenso eindrucksvolles wie makabres Zeugnis von dieser Einstellung ab. Der gleichen Einstellung entspringt auch die Legitimierung zur brutalen Bekämpfung ganzer Menschengruppen: „Es gibt Völker, die noch nicht unseren Vorstellungen von Humanität entsprechen, also müssen wir Kriege gegen sie führen, bis sie zur Einsicht kommen und menschlich werden“. Diese Haltung hat in der Geschichte bis in die jüngste Vergangenheit wiederholt ihren Ausdruck gefunden.
 Karl R. Popper (1902–1994) meinte, dass keine Idee den Verlust auch nur eines Menschenopfers rechtfertigt. Die Frage muss also schon erlaubt sein: Hat nicht auch die Idee der Humanität längst zu viele Menschenopfer gefordert? Aber in unserer komplexen Welt hat „Humanität“ offenbar doch mehrere Gesichter. Darüber werden wir zu sprechen haben.
 Nun sollte man meinen, dass dem Menschen – einer mit Vernunft begabten Spezies! – die von ihm unkontrollierbaren Naturkatastrophen Übel genug sind und er daher, wenn schon die Natur mit ihm keinen Frieden schließen kann, zumindest an einer friedlichen Existenz mit seinen Mitmenschen interessiert sein müsste. Aber so einfach ist das menschliche Verhalten ganz offensichtlich nicht. Die menschliche Natur steckt voller Widersprüche. Durch seine Zivilisation hat der Mensch versucht, sich selbst zu zähmen, aus dem arrivierten affenähnlichen Vorfahren, den die Evolution durch natürliche Auslese hervorgebracht hatte, ein kultiviertes Wesen zu machen: edel, hilfreich und gut. Der Versuch ist nicht so recht geglückt. Aber seine Zivilisation war vom Menschen ja auch nicht, wie viele denken mögen, beabsichtigt; sie ist ihm einfach passiert. Da mittlerweile acht Milliarden Individuen seiner Spezies den Erdball bewohnen, wird es auch schon ziemlich eng – jedenfalls für diejenigen zwei oder drei Milliarden seiner Artgenossen, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht schaffen, die verfügbaren Ressourcen optimal zu nutzen oder den anderen etwas wegzunehmen. Denn im Prinzip ließe sich – wir alle wissen es – auch für den unterprivilegierten Teil der Menschheit genug tun, wenn sich Regierungen in aller Welt um das Wohlergehen ihrer Bürger mehr Sorgen machen würden als um ihre militärische Schlagkraft. Während weltweit jede Minute mehrere Millionen US-Dollar für militärische Rüstung ausgegeben werden, verhungern (oder sterben an durch Hunger verursachten Krankheiten) stündlich etwa 1500 Kinder. Es mag also nachvollziehbar sein, warum wir meinen, dass die von ihm selbst geschaffenen Systeme zu den großen Gefahren für den Menschen zählen.
 Edel, hilfreich und gut? Seine eigene Behaglichkeit ist dem einzelnen Menschen im Allgemeinen wichtiger als das ganze Elend von anderen Menschen „irgendwo“. Die meisten von uns sind nur zu gern bereit, die „Verwaltung“ der Humanität, so wie alles andere auch, Politikern zu überlassen, um Ruhe zu haben und die eigenen Hände in Unschuld waschen zu können. Beginnen wir, uns in unserem eigenen kleinen Kreis human zu verhalten, bevor wir die Welt zu retten versuchen!
 Wir haben damit vorläufig, in wenigen Stichworten, angedeutet, warum sich die Menschheit als Ganzes von ihrem Elend nie erholt hat – wobei nicht zu übersehen ist, dass einzelne Menschen von der Not und vom Elend anderer stets profitiert haben. Aber immerhin hat der Humanitätsgedanke zumindest ein theoretisches und kulturelles Gegengewicht geschaffen. In allen Epochen unserer Kulturgeschichte haben einige Denker, gerade auch Freidenker und Humanisten, Gegenmodelle zum  Elend der Menschheit entworfen. Leicht hatten sie es damit freilich nie, weil der „wahre Humanismus“, in seiner ganzen Breite und Tiefe, nicht das erklärte Ziel regierender Kasten und Klassen sein kann.
 Die Idee der Humanität enthält die Forderung, dass kein Mensch wegen seiner Zugehörigkeit zu einer beliebigen Tradition, wegen seiner politischen und religiösen Überzeugung oder wegen seiner sexuellen Vorlieben diskriminiert oder gar verfolgt werden darf (sofern er mit seinen Überzeugungen und Vorlieben keinen anderen Schaden zufügt). Er würde sich, meinte Voltaire (1694–1778), jederzeit dafür einsetzen, dass selbst seine Feinde ihre Meinung frei äußern dürfen. Diese Aufforderung zur Toleranz ist natürlich leicht auszusprechen, aber nicht so leicht in die Tat umzusetzen.
 Eine aufrichtige grundlegende Auseinandersetzung mit dem Humanitätsgedanken, mit Menschenrechten und Ideen sowie Idealen der Aufklärung soll zum kritischen Nachdenken einladen, weiterführende Überlegungen zu der Frage herausfordern, was mit der Menschheit eigentlich schief gegangen ist (wobei jeder, der sich den Blick auf größere Zusammenhänge versperrt, natürlich nicht denken wird, dass da überhaupt etwas schief gegangen sein kann). Wir sehen unseren freigeistigen Beitrag als durchaus konstruktiv. Selbstverständlich wollen wir die Idee der Humanität nicht zerstören, sondern dazu anregen, sie neu zu bedenken. Das Elend, in welches sich die Menschheit fortgesetzt hineinmanövriert, gibt allerdings Anlass zu provokanten Überlegungen.

Literaturangaben:

- Hans Joas: Werte von gestern für die Welt von morgen? In: Wandlung von  Verantwortung und Werten in unserer Zeit. München 1983. Seite 22-35.
- Hans Joas: Die Entstehung der Werte. Frankfurt/M. 1999.
- Volker Mueller: Das Humanistische Manifest III. In: Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Heft 14. Pinneberg 2000.
- Maria Wuketits und Franz M. Wuketits: Humanität zwischen Hoffnung und Illusion. Stuttgart 2001.
- Volker Mueller: Humane Identität in ethischer Neuorientierung. In: Schriftenreihe der Freien Akademie. Band 21. Berlin 2002.
- Volker Mueller (Hg.): Werteerziehung in der Schule. Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Heft 16. Berlin Hannover 2002.
- Volker Mueller: Spuren im Wertewandel. Neustadt 2002.
- Franz M. Wuketits: Zivilisation in der Sackgasse. Plädoyer für eine artgerechte Menschenhaltung. Murnau 2012.

- Volker Mueller: Frieden ohne Moral und Recht? Zum Verhältnis von Krieg und Frieden in Immanuel Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“. In: Dominik Becher und Alexandra Bär (Hg.): Krieg und Frieden. Eine Beitragssammlung. Leipzig 2017.