Religionsfreiheit versus Blasphemiegesetze

Jan. 16, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Ortrun Lenz | 16.01.2026

Religionsfreiheit gehört zu den wichtigsten Errungenschaften moderner Gesellschaften. Sie schützt das Recht, einen Glauben zu haben, oder keinen. Sie ermöglicht, dass Menschen nach ihrer Überzeugung leben dürfen, ohne staatliche oder gesellschaftliche Repression. Doch genau dieses Recht steht vielerorts unter Druck.

In mehr als 70 Ländern existieren noch heute Gesetze, die sogenannte „Blasphemie“ – also Kritik, Spott oder auch nur eine vermeintliche Verunglimpfung religiöser Lehren – unter Strafe stellen. In manchen Staaten drohen dafür Geldbußen, in anderen sogar Haft oder Todesstrafe. Diese Gesetze stehen im direkten Widerspruch zu den Menschenrechten und zur Idee der Gewissens- und Meinungsfreiheit.

Wo Religionsfreiheit endet

Der Gedanke hinter Blasphemiegesetzen ist meist der Schutz „religiöser Gefühle“. Doch was genau verletzt ein Gefühl? Wer entscheidet, was respektlos oder „gotteslästerlich“ ist? Diese Unschärfe macht die Gesetze gefährlich: Sie werden oft benutzt, um unbequeme Stimmen zum Schweigen zu bringen: Künstler*innen, Journalist*innen, Aktivist*innen oder Menschen, die schlicht anders denken.

So unterschiedlich die Länder auch sind – Pakistan, Iran, Nigeria, Russland oder Polen – der Mechanismus ähnelt sich: Wer religiöse oder politische Autorität infrage stellt, riskiert Sanktionen. Häufig trifft es Minderheiten oder Andersgläubige. Selbst in Demokratien gibt es Spuren davon. In Deutschland wird der sogenannte „Gotteslästerungsparagraf“ § 166 StGB zwar selten angewendet, aber er existiert noch immer. Auch wenn heute meist Zurückhaltung herrscht, bleibt der Grundsatz problematisch: Nicht Gedankenfreiheit steht im Mittelpunkt, sondern der Schutz religiöser Empfindungen. Und das ist eine Kategorie, die sich juristisch kaum fassen lässt.

Zwischen Respekt und Freiheit

Kritik an Religion bedeutet nicht automatisch Respektlosigkeit. Im Gegenteil: Wer Religion ernst nimmt, muss sie auch hinterfragen dürfen. Eine offene Gesellschaft sollte es aushalten können, dass religiöse Überzeugungen öffentlich diskutiert, satirisch zugespitzt oder philosophisch analysiert werden. Natürlich gehört gegenseitiger Respekt zum friedlichen Zusammenleben. Niemand muss sich über den Glauben anderer lustig machen. Aber Respekt ist keine Einbahnstraße. Er kann nicht bedeuten, dass religiöse Vorstellungen über die Freiheit gestellt werden, Kritik zu äußern oder Kunst zu schaffen.

Gerade in pluralistischen Gesellschaften ist es unvermeidlich, dass sich Menschen gegenseitig irritieren, dass nicht immer jede/r jeden und jede versteht oder dass man dieselben Ansichten teilt. Demokratie bedeutet, diese Reibungen auszuhalten, und nicht, sie zu verbieten.

Humanistische Perspektive

Humanismus beruht auf Vernunft, Toleranz und dem Vertrauen in den Dialog. Menschen sollen denken, forschen, aber auch zweifeln, lachen und lernen dürfen. Niemand sollte Angst vor Bestrafung haben müssen, nur weil seine oder ihre Überzeugung einer anderen widerspricht. Deshalb ist Religionsfreiheit für Humanisten untrennbar mit Meinungsfreiheit verbunden. Beide bedingen einander. In einer Gesellschaft, in der man glauben darf, muss man auch zweifeln dürfen. Allerdings gilt umgekehrt auch, dass derjenige, der seine Überzeugung äußert, auch mit Kritik rechnen muss. Und er/sie sollte sich daran gewöhnen, diese Kritik, wenn sie denn angemessen vorgetragen wird, auch auszuhalten.

Eine Gesellschaft, die Blasphemie bestrafen will, schafft kein friedliches Miteinander, sondern Misstrauen. Sie macht die Freiheit abhängig vom Empfinden Einzelner.

Beispiele internationaler Solidarität

Weltweit setzen sich Organisationen wie Humanists International oder Amnesty International für Menschen ein, die wegen „Gotteslästerung“ verfolgt werden. Manche werden inhaftiert, andere müssen fliehen, viele leben in ständiger Angst.

Es ist ermutigend, dass humanistische und freigeistige Gemeinschaften in Europa, aber auch weltweit immer wieder ihre Stimme für sie erheben, etwa durch Protestaktionen, Petitionen oder Publikationen. Auch der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) bezieht regelmäßig Position für die Trennung von Staat und Kirche sowie für weltweite Gewissensfreiheit.

Solidarität bedeutet hier nicht Einmischung, sondern Unterstützung: das Bewusstsein, dass Freiheit immer geteilt werden muss, um zu bestehen.

Warum das Thema uns betrifft

Auch wenn Deutschland als freiheitlich-demokratischer Staat gilt, ist die Diskussion um Religionsfreiheit keineswegs abgeschlossen. Kirchen genießen nach wie vor Sonderrechte – etwa bei Steuern, Arbeitsrecht und im Bildungssystem. Der § 166 StGB erinnert daran, dass selbst in einem säkularen Rechtsstaat die Grenzen zwischen Religion und Staat nicht immer klar gezogen sind.

Für Humanisten, Freigeister, Freireligiöse, Unitarier und Freidenker geht es deshalb nicht darum, Religion zu bekämpfen, sondern um die Gleichbehandlung aller Weltanschauungen. Ein neutraler Staat schützt die Freiheit des Glaubens ebenso wie die Möglichkeit, keinem Glauben anzuhängen.

Blick nach vorn

Wie kann Religionsfreiheit weltweit gestärkt werden? Drei Wege sind entscheidend:

  1. Bildung und Aufklärung: Nur wer kritisch denken kann, wird nicht so leicht manipuliert oder instrumentalisiert.
  2. Internationale Vernetzung: Menschenrechtsarbeit braucht gemeinsame Stimmen über Ländergrenzen hinweg.
  3. Kulturelle Offenheit: Begegnungen mit Menschen, Austausch, aber auch Kunst und Humor sind oft stärkere Brücken als Gesetze.

Die Abschaffung von Blasphemiegesetzen ist kein Angriff auf die Religionen, sondern ein Schutz der Religionsfreiheit selbst. Denn wahre Freiheit braucht kein Strafgesetz, um Kritik zu überstehen.

Eine freie Gesellschaft lebt von Mut, dem Mut zu denken, zu zweifeln und offen zu sprechen. Religionsfreiheit ist dann am stärksten, wenn sie auch den Zweifel schützt. Wo Blasphemiegesetze herrschen, regiert die Angst. Wo Meinungsfreiheit gilt, kann Vertrauen wachsen.

Humanismus heißt: Niemandem den Glauben verbieten – aber auch niemandem das Denken.