Die Verteidigung theologischer Rechte mit Waffen

Juni 30, 2025 | Blog | 0 Kommentare

2025 jähren sich das Ende des Bauernkriegs und der Todestag von Thomas Müntzer zum 500. Mal

von Ortrun Lenz | 30.06.2025

Geschichte ist nicht nur das Erinnern an Vergangenes, sondern auch eine Auseinandersetzung mit Fragen, die bis in unsere Gegenwart reichen. Besonders in Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher Umwälzungen werden Grundkonflikte sichtbar, die auch heute noch relevant sind – etwa zwischen Reform und Revolution, zwischen Macht und Gerechtigkeit.

Eine solche Zeit war der Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit, etwa zwischen 1476 und 1525: eine Epoche massiver Spannungen, sozialer Umbrüche und religiöser Erneuerungen. In dieser Zeit erhoben sich nicht nur Bauern gegen Ausbeutung und Unterdrückung, sondern auch städtische Bürger und Teile des verarmten Adels begannen, die alte Ordnung in Frage zu stellen. Die Reformation erschütterte die Autorität der Kirche, der weltliche Adel rang mit dem geistlichen um Einfluss, und in vielen Regionen formierten sich neue Machtverhältnisse.

Während Martin Luther die Kirche reformieren wollte, ohne die bestehende gesellschaftliche Hierarchie grundsätzlich infrage zu stellen, ging Thomas Müntzer einen anderen, radikaleren Weg.

Thomas Müntzer (geb. um 1489 in Stolberg/Harz; † 27. Mai 1525 bei Mühlhausen/Thüringen) war ein Theologe, Reformator, Drucker und wurde zum Revolutionär in der Zeit des Bauernkrieges. Müntzer war nicht nur ein früher Mitstreiter Luthers, sondern bald sein entschiedener Gegner – politisch wie theologisch. Wo Luther zur Ordnung aufrief, predigte Müntzer den Umsturz; wo Luther die Fürsten beschwichtigte, rief Müntzer die Unterdrückten zum Kampf auf. Für ihn war die religiöse Erneuerung untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit verbunden. Sein Wirken gipfelte im Deutschen Bauernkrieg, in dem sich der aufgestaute Unmut breiter Bevölkerungsschichten in einem offenen Aufstand entlud.

Luther und Müntzer: zwei Weltsichten

Ich will versuchen, die gegnerischen Haltungen von Müntzer und Luther darzustellen und zwar in der Zeit kurz vor und während des Bauernkriegs. Es geht also hauptsächlich um die Jahre 1524 und 1525.

Thomas Müntzer war der Auffassung, dass die sogenannte „Heimsuchung Gottes“, d. h. die Erfüllung des Volkes mit dem Geist Christi, die Voraussetzung für die äußere Umgestaltung des Lebens war. Und diese Erfüllung mit dem Geist Christi äußerte sich bei ihm praktisch in dem Verzicht auf jegliches egoistische Streben. Der erreichte Grad der inneren Läuterung eines Menschen zeigte sich für Müntzer daran, wie sehr jemand dazu bereit war, Hab und Gut und sogar das eigene Leben zu wagen. „Deshalb rief er dazu auf, notfalls alles zu opfern – ‚allein behalt euer gewyssen frey und ledig und last euch dasselbige mit tyrannischem gebot nit vorstricken’“.

Müntzer wies auch darauf hin, dass Gott von den Menschen fordern würde, dass sie Gut und Leben wagten. Diejenigen, die nicht bereit wären, Opfer zu bringen, würden die Güter, die sie vorher für Gott nicht hatten wagen wollen, später sowieso genommen werden. Aus diesen Äußerungen Müntzers lässt sich deuten, dass er erkannt hatte, dass nur in einer Gesellschaftsordnung ohne Klassen und ohne soziale Unterschiede zwischen den Menschen Gerechtigkeit herrschen kann; und zwar Gerechtigkeit für alle und auch Wohlstand für alle. Er erkannte aber gleichzeitig, dass die Konstituierung einer solchen Gesellschaftsordnung von den Menschen ganzen Einsatz und ungeheure Opfer fordern würde.

Wichtige waren zwei Predigten Müntzers, zum einen die Fürstenpredigt am 13. Juli 1524 (vor einem kleinen Kreis: Herzog und Kurprinz Johann u. a. ) und die Bundespredigt am 24. Juli 1524. Noch in der Fürstenpredigt versucht Müntzer, die sächsischen Landesväter für seinen Revolutionsbund zu gewinnen, indem er mit bittenden, werbenden Worten auf sie einredet: „Darum, ihr allerteuersten, liebsten Regenten, lernt Euer Urteil (Erkenntnis) recht aus dem Munde Gottes und laßt Euch (durch) eure heuchlerischen Pfaffen nicht verführen mit gedichteter Geduld und Güte aufhalten.“ Und weiter: „Sollt ihr nun rechte Fürsten sein, so müsst ihr das Regiment bei der Wurzel anheben und wie Christus befohlen hat. Treibt seine Feinde von den Auserwählten, denn ihr seid die Mittler dazu. Liebe, gebt uns keine schale Fratzen vor, daß die Kraft Gottes es tun soll ohne euer Zutun des Schwertes, es möchte euch sonst in der Scheide verrosten.“ So klang es in der Fürstenpredigt.

In der Bundespredigt, wenige Tage später, schlägt er schon andere Töne an. An die Stelle der bittenden Worte kamen Kritik, Vorwürfe und offener Tadel. „Ist es doch offenbarlich am Tage, daß die gottlosen Regenten den Frieden des Landes selber aufheben, stocken und blochen (hart strafen) die Leute um des Evangeliums willen, und es schweigen unsere Fürsten dazu ganz und gar stille.“

Nachdem die Tyrannen im Sommer 1524 immer noch ohne Strafe weiterwüten konnten, änderte Müntzer seine Meinung dahingehend, daß das Volk nicht nur das Recht, sondern die Pflicht habe, das Schwert selbst zu ergreifen und es gegen die Gottlosen zu führen.

Das Volk soll zum Schwert greifen

Es entspricht der Vernunft und dem natürlichen Urteil der Menschen, dass niemandem Notwehr versagt werden darf. „Notwehr war für Müntzer nicht identisch mit Aufruhr, sondern im gegebenen Falle Notwehr gegen die Aufrührer wider Gott, ein Mittel, um den Willen Gottes auf friedlichem Wege durchzusetzen. Für den Aufstand des noch nicht geläuterten Volkes konnte sich Müntzer trotz der Ermahnungen seiner aus anderen Städten und Dörfern vertriebenen Anhänger nicht entscheiden. Aufstand um vergänglicher Ziele und Interessen willen schien ihm Frevel wider Gott zu sein, die Anfechtung, der·Einsatz von Gut und selbst des Lebens eine unentbehrliche Stufe auf dem Wege hin zur Umwälzung auch der äußeren Verhältnisse.“

Luther hatte dagegen ganz andere Normen für die Unterdrückten und Entrechteten. „Christliches Recht ist, sich nicht zu sträuben gegen das Unrecht, nicht zum Schwert zu greifen, sich nicht zu wehren, sich nicht zu rächen, sondern Leib und Gut dahinzugeben, daß es raube, wer da raubt – wir haben doch genug an unserem Herrn, der uns nicht verlassen wird, wie er verheißen hat. Leiden, Leiden, Kreuz, Kreuz ist der Christen Recht, das und gar nichts anders. ... Ein Christ läßt jeden rauben, nehmen, drücken, schinden, schaben, fressen und toben, wer nur will; denn er ist ein Märtyrer ...“

Luther empfiehlt also den Bauern, stillzuhalten und sich nicht zu wehren. Diese Haltung gründet er auf den Römerbrief 13, Kapitel 3 und 4, in dem die Obrigkeit als gottgewollt dargestellt wird. Die Fürsten und Herren sind für Luther demnach „Gottes Beamten und Diener seines Zornes, dem das Schwert gegen solche Buben befohlen ist“.

Für Müntzer war der Kampf gegen die Pfaffen immer mit dem allgemeinen revolutionären Kampf gegen die Obrigkeit verbunden. Er sah keinen Unterschied zwischen religiösen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Er hielt alles für „gottlos“, was auf egoistische Ziele beschränkt war; alles sollte von den Zielen des Allgemeinen ausgehen, das er „Gott“ nennt. Demnach musste auch alles „Gottlose“ durch die Gewalt der „Auserwählten“ unterdrückt werden. D. h. dass er bereit war, für seine theologische Überzeugung mit allen Mitteln zu kämpfen.

Luther wiederum sah die Radikalität Müntzers als gefährlich an. Besonders Müntzers Tätigkeit in Allstedt im Jahre 1524 machte ihm zu schaffen. Er schrieb an die sächsischen Fürsten und forderte Repressalien gegen Müntzer. Er erinnerte sie daran, dass er schon 1522 auf die gefährlichen Seiten der Müntzerschen Lehre hingewiesen habe, der die Reformation mit dem Schwert durchführen wolle. Weiter schrieb er, dass es Müntzer inzwischen nicht mehr nur um die Lehre ginge, sondern um eine Organisation, die sich „leypliche aufruhr“ gegen die weltliche Obrigkeit zum Ziel gesetzt habe. Und für diese Ziele wollte der „Teufel“ (wie Luther Müntzer inzwischen titulierte) den Pöbel für sich gewinnen.

Luthers Wut auf Müntzer wurde offenbar immer größer, denn im Bauernkrieg nannte er ihn schließlich den „Erzteufel, der zu Mühlhausen regiert und nichts denn Raub, Mord und Blutvergießen anrichtet.“ Luther selber hatte aber genauso Blutvergießen im Sinn, allerdings mit anderen Opfern als Müntzer. In seiner berühmten Schrift: „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ wird er sehr deutlich, was seine Meinung über die Auflehnung gegen die Obrigkeit betrifft: „So soll nun die Obrigkeit hier getrost weitergehen und mit gutem Gewissen dreinschlagen, solange sie eine Ader regen kann. Denn sie hat hier den Vorteil, daß die Bauern ein böses Gewissen und eine ungerechte Sache haben und jeder Bauer, der dabei erschlagen wird, mit Leib und Seele verloren und auf ewig des Teufels ist. ... Darum soll hier zuschlagen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer nur kann, und daran denken, daß es nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres geben kann als einen aufständischen Menschen, so wie man einen tollen Hund totschlagen muß.“

Charakterisierung der beiden Gegner

Auf der einen Seite stand Luther, für den die Obrigkeit gottgewollt war. Er bezog sich dabei auf den Römerbrief 13, und zwar auf die Verse 1 und 2. Er, auf den die Bauern zuerst ihre Hoffnungen gesetzt hatten, wandte sich gegen sie, indem er ihnen vorhielt, dass sie sich nicht gegen die Obrigkeit wehren dürften. Einerseits hatte er den Bauern also den Aufstand verboten und bezeichnete sie, als sie schon im Kampf waren, als „mörderische und räuberische Rotten“. Andererseits aber empfahl er den Herren genau das, was er den Bauern vorwarf, nämlich zu morden, schlagen, würgen, stechen usw. In der Schlacht von Frankenhausen wurden ja dann auch 5000 Bauern umgebracht und nur 600 gefangengenommen. Die Machthaber waren damit genau Luthers Rezept gefolgt.

Auf der anderen Seite stand Müntzer, der sich auf den gleichen Römerbrief 13 berief wie Luther. Nur stand für ihn die wichtigste Information zwei Verse weiter, nämlich in den Versen 3 und 4. Er interpretierte sie so, dass die Obrigkeit die Ketzer vernichten müsse, also vor allem Leute wie Luther. Müntzer wollte Bauern und Fürsten gemeinsam in einem christlichen Verbündnis sehen. Alle „Auserwählten“ sollten zusammen gegen die „Verdammten“ kämpfen. Er wollte aber keine Unterschiede machen zwischen Konfessionen oder Nationen; für ihn gab es nur Menschen unter Gott. „Auch kannte er keine Klassen, keine Titulaturen oder Rangstufen – er duldete nur Brüder.“

Für die Durchsetzung seiner religiösen Idee hat er letztendlich zu den Waffen gegriffen, da er keinen anderen Weg mehr sah, seine Forderungen durchzusetzen. Müntzer war also selber mit in die Schlacht gezogen, während Luther vom Schreibtisch aus seine Hetzreden schrieb und sich aus allem ansonsten heraushielt.

Luther muss sich aber trotz allem der Tragweite seines Handelns und Versagens bewusst gewesen sein. „Die Problematik, für die er von seinen theologischen Voraussetzungen aus keine menschlich vertretbare Lösung anzubieten hatte, belastete auf Jahre hin sein Gewissen.“ 1533 sagte er: „Prediger sind die allergrößten Totschläger. Denn sie ermahnen die Obrigkeit, daß sie entschlossen ihres Amtes walte und die Schädlinge bestrafe. Ich habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen, all ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich schiebe es auf unseren Herrgott; der hat mir befohlen, solches zu reden. ...“

Letzten Endes haben beide Haltungen zum Krieg geführt. Dass diese bewaffnete Auseinandersetzung für die Bauern so böse geendet hat, ist vielleicht auch ein Zufall gewesen. Ob dieses Gemetzel nicht hätte vermieden werden können und ob sich damals nicht vielleicht doch noch andere Wege hätten finden können, das lässt sich aus heutiger Sicht schwer beantworten. Thomas Müntzer steht damit exemplarisch für den revolutionären Geist einer Epoche, die an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit nicht nur die Kirche, sondern auch die Gesellschaft neu zu denken begann – mit Konsequenzen, die bis heute nachwirken.

Literatur:

Bensing, Manfred: Idee und Praxis des „Christlichen Verbündnisses“ bei Thomas Müntzer, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche Reihe 14 (1955), S. 326

Herrmann, Horst: Ketzer in Deutschland, Köln 1978

Lilje, Hanns: Martin Luther, Reinbek bei Hamburg April 1965

Smirin, M. : Die Volksreformation des Thomas Müntzer und der große Bauernkrieg, verb . u. erg. Aufl. , Berlin 1956

Wehr, Gerhard: Thomas Müntzer, Reinbek bei Hamburg Mai 1972

Siegfried Bräumer und Günter Vogler: Thomas Müntzer. Neu Ordnung machen in der Welt. Gütersloh 2016.

Ulrich Bubenheimer und  Dieter Fauth (Hg.): Religiöser Pluralismus und Deutungsmacht in der  Reformationszeit. In: Schriftenreihe der Freien Akademie. Band 36.  Berlin 2017.