von Lamine Madani | 25.08.2025
Vor einigen Monaten sprach ich mit Dr. Volker Mueller über den „Mut zu denken“ – ein edles Konzept, welches nur von einem geistvollen Menschen stammen kann, der eine aufgeklärte Gesellschaft anstrebt. Ein Mensch, dessen Lebenslauf und Beitrag zur Gesellschaft und zur Freiheit des Denkens ich als Freidenker nur zu gerne zur Hälfte mein Eigen nennen würde. Mit seiner Erwähnung dieses Themas wollte Dr. Mueller nichts anderes, als die Fähigkeit fördern, kritisches Denken zu entwickeln – und den Weg für kommende Generationen zu ebnen, damit sie auf dem aufbauen können, was jene vor ihnen durch ihr Denken erreicht haben. Und vor allem, dass sie keine Angst davor haben, zu denken und sich aus der Komfortzone zu bewegen.
Diese Worte brachten mich über diese Zeit hinweg zum Nachdenken. Ich führte Debatten mit mir selbst über diese Idee und ihre möglichen Konsequenzen. Denn wir alle wissen, dass freies Denken je nach Land sehr unterschiedliche Folgen haben kann. Es erinnerte mich an meine gesamte Reiseodyssee – von meinem Heimatland bis zu meinem heutigen Lebensmittelpunkt hier in Deutschland – und ließ mich besonders über den Preis nachdenken, den ich für meinen „Mut zu denken“ bezahlt habe. Und ob dieser Mut überhaupt den Preis wert ist?
Meine Auseinandersetzung mit diesem Thema lässt sich in zwei Abschnitte unterteilen: Der erste in meinem Heimatland, der zweite hier in Deutschland. Der erste Teil hat mich am stärksten geprägt, denn ich spürte den Verlust und den Schaden besonders intensiv, den ich allein dadurch erlitt, dass ich es wagte, zu denken und meine Gedanken zu äußern. In diesem ersten Abschnitt lernte ich den Schmerz kennen, der mit dem Mut zum Denken einhergeht. Plötzlich steht man allein da – gegen falsche Ideen, gegen eine Indoktrination, der man seit dem ersten Tag seines Lebens ausgesetzt war. Schlaflose Nächte voller innerer Zerrissenheit und dem Gefühl, nicht mehr in eine Gesellschaft zu passen, deren Denkweise nur eine Richtung zulässt. Dann kam die Zeit, in der ich meine Flügel ausbreitete, befreit aus einem Gefängnis von Ideen. Doch die Konfrontation begann jetzt nicht mehr mit mir selbst, sondern mit der Welt. Ja, der Mut zu denken führt auch dazu, sich mit anderen auseinanderzusetzen. Und wieder begann der Verlust – diesmal begleitet von Tagen der Angst aufgrund von Drohungen jener, die einem den Kopf abschlagen wollen, um ihr Ticket ins Paradies zu lösen.
Ich weiß, viele empfinden aus tiefstem Herzen Mitgefühl, wenn sie solche Geschichten hören. Doch nur wenige haben so etwas selbst erlebt. Und noch weniger saßen an einem Freitagmittag zu Hause beim Kaffee, als der Imam der Nachbarmoschee hunderten Zuhörern predigte, sie sollen den Ungläubigen im Viertel finden – und ihm zeigen, was Gott von seinen Gläubigen verlangt. Ich rannte einfach aus dem Haus, ohne meiner Familie etwas zu erklären, und versteckte mich tagelang bei einem Cousin. Der Albtraum war die unbeantwortete Frage: Werde ich jemals wieder sicher in meinem Haus sein? Und wenn ich fernbleibe, wie soll ich meiner Familie erklären, warum ich wortlos gegangen bin?
Nach vielen weiteren Ereignissen und Auseinandersetzungen mit der Gesellschaft, der Polizei und dem algerischen Staat hatte ich das „Glück“, ein Visum zu bekommen und somit mit dem Leben zu entkommen. Ich erhielt eine neue Chance in ein „freies Land“ zu reisen und dort studieren zu können, ein Land, in dem ich endlich frei denken und sprechen darf und den „Mut zu denken“ ausleben kann. Dabei war es doch genau dieser Mut, der mich das Liebste gekostet hat: meine Familie und meine Heimat.
Teil zwei meiner Reise, die Phase in Deutschland, begann mit einem Moment, den ich nie vergesse werde: Mein erster Drink mitten in Berlin, auf der Straße Unter den Linden. Das Gefühl ein Teil Deutschlands zu sein mit Blick auf das Brandenburger Tor war unglaublich. Ich stellte mir vor, ein wenig wie Thomas Mann selbst zu sein, wie in seinem Roman. Der Verlust war groß, der Schmerz größer, doch dieser Moment fühlte sich wie eine wohlverdiente Entschädigung an. Endlich konnte ich frei atmen, endlich musste ich meine Worte nicht mehr herunterschlucken, denn hier durfte man denken und sprechen. Ein paar Monate später jedoch wurde mir klar, wie falsch dieses Gefühl war. Ich möchte gar nicht auf meine gesamte entmenschlichende Erfahrung hier eingehen – wie ich meines Menschseins beraubt wurde, reduziert auf einen Aktenstapel, über den irgendein Büroangestellter willkürlich entscheiden konnte. Doch es stellte sich heraus, dass auch in dieser Oase der Freiheit größte Vorsicht geboten war. Was man sagt, was man schreibt, man muss seine Gedanken und Worte mehr zügeln als je zuvor.
Es gibt in Deutschland gefühlt mehr Tabus als in meiner alten Heimat. Auch hier gilt: „Hab keine Angst vor dem freien Denken, aber fürchte die Konsequenzen deiner Worte.“ Es gibt für mich unantastbare Gruppen und politische rote Linien, über die ich nichts sagen darf. Dazu zählen auch doppelte Standards, bei deren Kritik die Strafen hart ausfallen.
Nichts schmerzt mich als Humanist mehr, als das Leiden von Menschen in anderen Regionen der Welt zu sehen und dennoch wage ich es nicht, ein Wort darüber zu verlieren. Ich fürchte mich, selbst auf Facebook einen Kommentar zu hinterlassen, ein Video zu liken oder nicht zu liken, denn das allein könnte mich den Aufenthaltsstatus kosten, unter dem Vorwurf, gegen irgendetwas zu sein oder Hass zu verbreiten. Besonders als nordafrikanischer Ausländer ist mein häufigstes „Verbrechen“ in den Augen anderer, dass wir nicht integriert sind und wahrscheinlich nie sein werden. Ein vorgefertigtes Urteil, ohne Rücksicht darauf, was wir tatsächlich sind.
Wieder einmal scheint der „Mut zu denken“ und zu sprechen mich in eine neue Phase des Widerstandes zu führen – gegen neue Kräfte, gegen die ich schon einmal verloren habe. Somit muss ich leider eingestehen: Nein, ich bin nicht mehr mutig. Den Kampf, den ich einst geführt habe, bin ich nicht mehr bereit oder in der Lage, erneut zu führen. Dass ich seit Jahren nicht einmal mehr zwei Zeilen auf Facebook schreibe, sagt genug darüber aus, wie groß meine Angst ist. Vielleicht fehlt mir nicht der „Mut zu denken“ – aber der Mut, mein Denken in Worte zu fassen. Ich bin nicht Voltaire oder Montesquieu, ich wollte das auch nie sein. Besonders dann nicht, wenn ich sehe, was ich geopfert habe und mit dem vergleiche, was ich in meiner Gesellschaft bewegen konnte. Nichts.
Lieber Dr. Mueller, Ihr freier Geist ist inspirierend und Ihr Humanismus gibt Hoffnung – auch mir. Aber in meiner Wahrnehmung starten wir aus unterschiedlichen Ausgangspositionen: Wenn ein deutscher Staatsbürger kritisiert, dass irgendwo auf der Welt Kinder durch ein geplantes Hungerprogramm eines anderen Staates sterben, wird ihnen dadurch nicht die Staatsbürgerschaft aberkannt. Wenn ich dies jedoch tue, verliere ich mein Zuhause hier – genauso, wie ich mein erstes Zuhause verlor. Und diesen Preis kann ich kein zweites Mal bezahlen.
Ich bin ein Freidenker und werde nie aufhören zu denken. Ich werde allen helfen, die meine Hilfe brauchen, innerhalb des Rahmens, der mir zusteht, denn am Ende des Tages wünsche ich mir auch – wie alle anderen – ein Leben. Doch es scheint, dass der Preis, den ich als Humanist dafür zahlen muss, darin besteht, seine Worte zu verschlucken, um das Minimum eines „erlaubten“ Humanismus zu leben, welches einem zugestanden wird.

