Demokratie unter Druck

Sep. 25, 2025 | Blog | 0 Kommentare

von Ortrun Lenz | 25.09.2025

Wie können Menschen friedlich zusammenleben,  obwohl sie vor allem eines sind: total unterschiedlich? Mit  verschiedenen Eigenschaften und Temperamenten ausgestattet, prallen ihre  Ansichten immer wieder aufeinander. Als  Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften ist es uns wichtig, für  ein friedliches Zusammenleben der Menschen einzutreten, und zwar  unabhängig von ihren religiösen, weltanschaulichen und politischen  Anschauungen. Demokratie ist unserer Erfahrung nach  eine der größten Errungenschaften westlicher und vieler anderer  Gesellschaften. Sie gilt es zu verteidigen. Doch in den letzten Jahren  scheint das nicht mehr so selbstverständlich zu sein, wie man bis vor  nicht allzu langer Zeit dachte.

Antidemokratische Tendenzen weltweit

Wenn man sich die derzeitigen Meldungen aus verschiedensten Regionen der Erde anschaut, zeigt sich eine besorgniserregende Entwicklung. Die Meinungs- und Pressefreiheit wird eingeschränkt: Journalistinnen und Journalisten werden in vielen Ländern unter Druck gesetzt oder sogar verfolgt, sodass kritische, unabhängige Berichterstattung schwierig wird. Populistische und rechtsextreme Parteien sowie auch fundamental-religiöse Gruppierungen erhalten immer mehr Zustimmung, was zur Folge hat, dass Minderheiten ausgegrenzt werden und die internationale Zusammenarbeit gefährdet ist.

Technologische Überwachung mit Hilfe digitaler Tools war ursprünglich dazu gedacht, für eine verbesserte Sicherheit zu sorgen. Mittlerweile dienen diese technischen Möglichkeiten autoritären Regimen immer öfter dazu, Bürgerinnen und Bürger zu kontrollieren, um „unliebsame“ Entwicklungen wie allzu große Meinungsvielfalt zu unterbinden. NGOs und Verbände werden in vielen Ländern zunehmend eingeschränkt oder sogar verboten, vor allem, wenn sie sich für die Rechte von Minderheiten, eine freiheitliche und vielfältige Gesellschaft und Menschenrechte im Allgemeinen einsetzen. Das alles, aber vor allem Letzteres, betrifft auch uns als Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften.

Warum das auch uns etwas angeht

Man könnte meinen: „Das alles ist weit weg und es geht ja nicht um die Toleranz gegenüber freigeistigen Organisationen.“ Aber autoritäre Strömungen machen weder vor bestimmten gesellschaftlichen Gruppierungen noch an Grenzen halt. Desinformation und Falschmeldungen verbreiten sich über Internet und soziale Netzwerke in kürzester Zeit. Populistische Narrative, die in einem Land bestimmte Wähler ansprechen, werden offenbar ohne große Hindernisse von Bewegungen in anderen Ländern übernommen und breiten sich weiter aus. In Deutschland, in Europa ist die Demokratie keine Selbstverständlichkeit mehr - etwas, das ich mir zu meiner Schulzeit, also vor ein paar Jahrzehnten, nicht hätte vorstellen können. Wie konnte es dazu kommen, dass rechtspopulistische Parteien erstarken, Verschwörungsmythen immer neue Anhänger finden? Liegt es nur an der Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik? Klar, nicht alles ist perfekt, vieles leider sehr weit entfernt davon. Aber der Demokratieabbau breitet sich auf erschreckende Weise aus und schwächt die gesamte internationale Wertegemeinschaft. Langfristig werden auch unsere Freiheitsrechte hier gefährdet.

Für uns als freigeistige und humanistische Gemeinschaften bedeutet das: Wenn autoritäre Ideologien erstarken, geraten die Freiheit des Denkens, die weltanschauliche Neutralität und die Menschenrechte unmittelbar unter Druck.

Die Rolle weltanschaulicher Gemeinschaften

Toleranz Andersdenkenden gegenüber war immer eines der wichtigsten Merkmale der freigeistigen Organisationen. Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, die Kräfte zu bündeln, und dazu brauchen wir Vielfalt, nicht verordneten Einheitsbrei, der alles „Fremde“ schlechtredet. Weltanschauungsgemeinschaften, die sich der Aufklärung, Humanität und Demokratie verpflichtet fühlen, können einen entscheidenden Beitrag leisten, um für eine offene, vielfältige Gesellschaft einzutreten. Das kritische Denken an sich muss weiterhin eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen. Diskussionen können sehr anstrengend sein, aber überall, wo Menschen zusammenkommen, wird es immer unterschiedliche Ansichten geben.

Klassische Bildungsarbeit mit Vorträgen, Publikationen und Diskussionsforen, wie die freigeistigen Verbände sie schon seit jeher anbieten, ist nach wie vor sinnvoll. Nur, wer gut informiert ist, kann sich in der teils chaotisch wirkenden Nachrichtenflut von heute orientieren. Kritisches Denken war und ist immer wichtig, um Vorgänge richtig einordnen zu können, die zunächst oft sinnfrei wirken und Ängste auslösen können. Um Manipulation durchschauen zu können, braucht man heute auch Medienkompetenz. Diese sollte schon in den Schulen vermittelt werden. Mit dem derzeitigen KI-Boom sind wir schon längst in eine neue Ära gestartet, deren rasante Entwicklung oft überfordernd ist. Um „falsch“ von „echt“ unterscheiden zu können, ist es einfach unerlässlich, sich mit Künstlicher Intelligenz auseinanderzusetzen. Freigeistige Gemeinschaften, wie sie unter dem Dach des DFW vereint sind - und viele weitere befreundete Organisationen -, sind für Pluralismus, internationale Solidarität und humanistische Werte. Diese Säulen sichtbar zu machen, sie in die öffentlichen Diskussionen einzubringen, ist eine unserer Aufgaben.

Engagiert und solidarisch bleiben

Demokratie ist anscheinend leider nicht selbstverständlich, auch wenn ich und viele meiner Generation das immer dachten. Engagierte Menschen müssen sie wertschätzen, verteidigen und weiterentwickeln. Natürlich stellt sich die Frage: Was kann jede und jeder Einzelne beitragen – und was können Verbände wie der DFW tun? Wir können immer wieder und immer weiter informieren, aufklären, uns solidarisch zeigen, uns in unseren Verbänden engagieren, Haltung zeigen, beispielsweise auch auf entsprechenden Demonstrationen, und wir können auch selbst Dialogräume schaffen. Wir informieren mit unseren Publikationen, über unsere Website, diesen Blog, auf Veranstaltungen verschiedenster Art in Präsenz und auch per Videokonferenz.

Für Anfang nächsten Jahres planen wir beispielsweise ein Online-Seminar zu aktuellen Themen. Wir werden rechtzeitig dazu einladen - stay tuned 🙂