Humanistische Werte führen zur Verantwortungsethik

Sep. 7, 2026 | Blog | 0 Kommentare

von Dr. Volker Mueller |

Was sind humanistische Werte? Grundlagen sind die UNO-Menschenrechtskonvention, die UNO-Charta, die Europäische Grundrechtecharta und der EU-Verfassungsvertrag, das Humanistische Manifest von 1999 und die jüngsten Erklärungen der Humanists International. Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V. entwickelt und verteidigt grundsätzlich Frieden und Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde und Menschenrechte, Umweltschutz. Doch immer wieder scheint es, unterschiedliche Auffassungen und verschiedene konkrete Ausformungen darüber in unseren gesellschaftlichen Entwicklungen zu geben.

Unser jahrelanges Engagement für eine nichtchristlich geprägte, weltanschaulich-religiös neutrale Europäische Verfassung diente dem Anliegen, die berechtigten Bedürfnisse und Interessen der kirchenfreien Menschen und zugleich aller Menschen in Europa - im toleranten Zusammenleben  verschiedener Religionen, Weltanschauungen und Kulturen - öffentlich zu formulieren, zu vertreten und zu realisieren. Dazu gehörte und gehört auch unser verstärktes Eintreten für Frieden und Menschenrechte und für die Lösung internationaler Konflikte ohne Krieg und Gewalt. In unseren Aktivitäten um eine Europäische Verfassung mit laizistischem Charakter haben wir die universellen Menschenrechte für alle Bürgerinnen und Bürger zu sichern.

Der Begriff Verantwortungsethik bezeichnet ethische Systeme, die bei Entscheidungen zwischen Handlungsalternativen oder bei der normativen Beurteilung von Handlungen die tatsächlichen Ergebnisse und deren Verantwortbarkeit in den Vordergrund stellen. Der Begriff wurde von Max Weber als Gegenbegriff zur „Gesinnungsethik“ eingeführt, worunter er ethische Positionen zusammenfasst, die Handlungstypen anhand der Übereinstimmung von Motiv und Absicht mit gegebenen ethischen Werten beurteilen. Nach Max Weber ist es Aufgabe politisch Handelnder, eine Balance zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik zu finden.

Ein Problem der Verantwortungsethik ist die beschränkte Information über die Ergebnisse einer konkreten Handlung. So könnte eine Handlung, die isoliert betrachtet, gerechtfertigt erscheint, aufgrund einer Verkettung von Umständen schädliche Folgen für Dritte haben. Schon bei John Locke finden sich Beispiele für Handlungen, deren Wert sich je nach Kontext ändern (so erscheint es zunächst verboten, jemandem sein Eigentum zu entwenden, aber geboten, jemandem, der in Raserei verfallen ist, seine Waffe zu stehlen).

Ein weiteres Problem ist das Fehlen einer Hierarchie von Werten. Verantwortungsethiker unterschiedlicher Schulen bzw. philosophischer Richtungen bzw. Kulturen können zu unterschiedlich Gebotenem gelangen, je nachdem welche Folgen einer Handlung sie für wahrscheinlich ansehen und wie sie sie bewerten. Dabei kann der Zeitraum der Betrachtung entscheidend sein: Eine Handlung mag verantwortungsethisch kurzfristig geboten erscheinen, aber längerfristig negative Auswirkung haben.

Wie bewähren sich humanistische Werte? Werden sie verantwortungsethisch verschiedenartig abgeleitet und beurteilt? Welche Balance gibt es zwischen Egoismen und Gemeinwohl, zwischen Frieden und dem Einsatz von militärischen Mitteln, zwischen dem Klimaschutz und einer mehr ungehemmten Ökonomie? Welche Konsequenzen erfahren wir bzw. sind zu erwarten?

Friedliche Koexistenz oder Krieg, Terror und Zerstörung

Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben und das Recht auf Menschenwürde. Unser Recht auf Leben zu bewahren und durchzusetzen, ist eine wesentliche gesellschaftliche und ethische Aufgabe. In den letzten 100 Jahren gab es allerdings Krieg, heiße Kriege und den Kalten Krieg. Jeder Krieg stellt das Recht auf Leben durch Gewalt gegen andere Menschen (und die Natur) und durch militärische Mittel grundlegend infrage. Die Friedensbewegungen der letzten Jahrzehnte haben diese Sachverhalte als Grundlage ihrer Aktivitäten, haben aber eher geringe Erfolge im 20. und 21. Jahrhundert.

Vor allem seit der europäischen Aufklärung gibt es Visionen von Freiheit und Grundrechten. Utopien für eine friedliche, freie und gerechte Gesellschaft wurden entwickelt und verbreitet. In den letzten Jahren haben wir trotz vieler kriegerischer Auseinandersetzungen auf unserem Planeten Gewinne an Freiheiten und Rechtsstaatlichkeit zu verzeichnen, sehen wir z.B. die Bildung des Internationalen Strafgerichtshofes (IStGH).

Aber wir haben gerade dort Verluste an Freiheiten und Menschenrechten erleben müssen, wo Autokratien herrschen und Rechtsstaatlichkeit abgebaut wurde. Frieden, Freiheit und Menschenrechte gehören zusammen, sie bedingen einander. Wir haben ein natürliches Recht darauf. „Dieses Recht gibt die Natur allen Menschen, damit sie über ihre Personen und ihre Güter in der Weise verfügen, die ihrem Urteil nach ihrem Glück am meisten angemessen ist – allerdings mit der Einschränkung, dass sie dieses Recht in den Grenzen des Naturgesetzes anwenden und es nicht zum Schaden der anderen Menschen missbrauchen. Die natürlichen Gesetze sind also Richtschnur und Maßstab für diese Freiheit; denn obwohl die Menschen im primitiven Naturzustand voneinander unabhängig sind, sind sie doch alle abhängig von den natürlichen Gesetzen, von denen sie sich bei ihren Handlungen leiten lassen müssen. …

Der erste Zustand, den der Mensch von Natur aus erwirbt und der als das kostbarste aller Güter gilt, die es besitzen kann, ist der Zustand der Freiheit; er kann weder gegen einen anderen getauscht noch verkauft werden, noch verlorengehen; denn natürlicherweise werden alle Menschen frei geboren; das heißt, sie sind nicht der Gewalt eines Herrn unterworfen, und niemand hat auf sie ein Eigentumsrecht.“ Wie klar doch die Aufklärung im 18. Jahrhundert diese Erkenntnisse darlegte - hier aus der Encyclopédie von Louis de Jaucourt - und damit eine säkulare Ethik möglich machte.

Mit Gewalt wird versucht, in der Gegenwart Machtstrukturen zu sichern oder zu erobern. Sie kostet Menschenleben. Rufen wir Russland, die USA, Israel, Iran und andere auf, die Situationen in der Ukraine, im Nahen Osten und in der Golfregion nichtmilitärisch und völkerrechtskonform zu lösen. Frieden ist m.E. nur in partnerschaftlicher Kooperation möglich. Es ist eine Politik der Kooperation statt Konfrontation und eine zivile Konfliktbearbeitung nötig.

Politische und andere Fragen der Friedenssicherung haben in den letzten 100 Jahren die Menschen sehr bewegt, nicht nur wegen der internationalen Kriegserfahrungen im 20. Jahrhundert. Albert Einstein sagt mit den Erfahrungen des 2. Weltkrieges und der beginnenden Atomwaffenaufrüstung in der Welt: „Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzten. … Wir müssen uns stellen, für die Sache des Friedens die gleichen Opfer zu bringen, die wir widerstandslos für die Sache des Krieges gebracht haben. Es gibt nichts, das mir wichtiger ist und mir mehr am Herzen liegt. Was ich sonst mache oder sage, kann die Struktur des Universums nicht ändern. Aber vielleicht kann meine Stimme der größten Sache dienen: Eintracht unter den Menschen und Friede auf Erden.“

Welches sind die aktuellen Fragen der Friedensforschung und Friedensarbeit zur Kriegsverhinderung und -beendigung? Gehen wir ihnen mit Intensität nach. Mit der Entwicklung der Militärstrategien, der Erstschlagthese sowie den Auffassungen über das Recht der militärischen Verteidigung und über „gerechte und ungerechte Kriege“ müssen wir uns kritisch auseinandersetzen. Wie sind der Mensch und seine Zivilisation natur- und sozialwissenschaftlich erklärbar in Bezug auf seine Gewaltfähigkeit, Aggressivität und Kriegsbereitschaft? Hat Hochrüstung den Frieden sicherer gemacht? Sind „humanitäre Einsätze“ im 21. Jahrhundert geeignet, die ethisch bestimmten Menschenbilder (der Mensch als natürliches und soziales Wesen) weiterzuentwickeln? Welche Auswirkungen haben militärische Auseinandersetzungen, Kriege oder ein friedliches Leben auf Ökologie und Ökonomie, auf die Natur und die Sozialität?

Menschenrechte und Integration

Wir leben heute in einer offenen Welt, die verschiedenen Kulturen berühren einander und die Globalisierungsprozesse sind Realität. Sie bergen Gefahren und Chancen für unsere Zukunft. Um in diesem Zusammenhang die Prozesse der Integration von Menschen mit Migrationshintergründen  in der Bundesrepublik Deutschland zu gestalten, benötigen wir eine verantwortungsethische Grundlage für Asylrecht und Integration und eine entsprechende interkulturelle freiheitliche Erziehung. Ethik und Integration bedingen einander.

Wir stellen zurzeit fest, dass wir eine verfehlte Integrationspolitik haben, die Menschlichkeit, Multikulturalität und weltanschauliche Vielfalt nicht hinreichend beachtet. Aktuellen ethischen und humanitären Herausforderungen werden wir nicht gerecht, wenn nur eine deutsche Leitkultur gepredigt wird (Was ist das eigentlich?). Wesentlich sind Frieden, Freiheit und Demokratie, damit Menschenwürde, die freie Entfaltung einer selbstbestimmten Persönlichkeit und Wohlstand für alle gesichert werden können. Die Verwirklichung und Sicherung der Menschenrechte sind Ausgangs- und Endpunkt ethischer Lebensvorstellungen und eines humanistischen Menschenbildes.

Die Zukunft ist ungewisser denn je. Wir haben aber auch Klarheiten bei der Wichtigkeit folgender Werte: Flexibilität, Mobilität, Konfliktlösungsfähigkeiten, Kommunikationsbereitschaft und –fähigkeit, Bildungskompetenzen. Langfristig ist ökonomische und politische Macht nur sicherbar durch mehrheitliche Identifikation und Teilhabe der Menschen an ihr. Wir sind angehalten, Ethik als produktive Kraft der Zukunft neu zu entdecken!

Wir stellen Defizite fest, die ethischen Orientierungen zeitgerecht und zukunftslebendig zu erfassen, darzustellen und zu vermitteln. Zugleich gibt es Mängel, das individuelle und gemeinschaftliche Leben werteorientiert und normgerecht im Zuge der radikalen Veränderungen in unserer globalisierten Arbeits- und Freizeitgesellschaft zu gestalten. Nicht unwichtig sind ebenfalls die subjektiven Befindlichkeiten des Menschen in seiner sich wandelnden Identität sowie die Entwicklungen und das Solidarverhalten zwischen den Generationen.

Für humanistische Werte sind m.E. insbesondere folgende Aussagen und ethischen Orientierungen grundlegend:

- die Achtung und Wahrung von Menschenwürde und Menschenrechten, von Freiheit und Individualität, von Toleranz als universellem Verhaltensprinzip,

- das Recht auf individuelle Selbstbestimmung sowie schöpferische Lebensgestaltung in Freiheit, sozialer Verantwortung und konkreter Humanität, die Gleichstellung von Frau und Mann, die Rechte der Kinder, die Freiheit von Familie und Partnerschaften,

- die Sicherung von Solidarität, Gemeinschaftssinn, Gerechtigkeit und Gleichheit – unter toleranter Beachtung individueller Unterschiede und dem Recht auf religiöse und weltanschauliche Bindung und auf Gewissensfreiheit,

- das Einsetzen für die Wahrung der natürlichen Lebensgrundlagen, von Natur und Umwelt,

- die  kritische Auseinandersetzung mit Ideologien und Weltanschauungen, die rassistische, antisemitische, extremistische, antidemokratische, menschenfeindliche und –verachtende Inhalte haben,

- der Respekt vor Andersdenkenden und Anderslebenden, der Schutz von Minderheiten und das Bemühen um gewaltfreie Konfliktlösungen und ein friedliches und demokratisches Miteinander.

Humanistisches philosophisches Denken ist verbunden mit der Überzeugung, dass Ursprung, Sinn und Wert des Lebens und der Welt in den ihr innewohnenden Gesetzmäßigkeiten zu finden sind, also keines irrational begründeten und übernatürlichen Schöpfers oder Erhalters bedürfen. Es charakterisiert unsere freigeistigen Gemeinschaften in ihrem praktischen Wirken, dass sie sich offensichtlich der weit reichenden ethischen, sozialen und kulturellen Konsequenzen aus dieser Lebenshaltung bewusst sind. In vielfältiger Weise ist für Aufklärung und für die Verbreitung der Einsicht zu wirken, dass sich die Konsequenzen aus der Erkenntnis der Endlichkeit, der Unwiederholbarkeit, der Einmaligkeit des Lebens nicht in Egoismus, Oberflächlichkeit oder Gewinnsucht erschöpfen dürfen. Existentiell wichtig ist eine Verantwortung der Menschen für ein friedliches und menschenwürdiges Leben auf der Erde und für einen toleranten Umgang miteinander. Wirken wir zuerst in unserem eigenen Land dafür. Humanistische Verantwortlichkeit von den globalen Problemen bis zu den individuellen Sorgen und Nöten prägt eine Lebenshaltung der tätigen Humanität.

Bildung und Werteerziehung

Was ist in der Gegenwart mit der ethischen Entwicklung unserer Kinder? Sind wir bzw. unsere Kinder zur Integration und Toleranz fähig? Führt ein integrativer dialogischer Ethik–Unterricht weiter? Wie ist Werteerziehung möglich - ohne religiös-weltanschauliche Bindung? Nelson Mandela schrieb am 15. Mai 2008, in Johannesburg/ Südafrika: "Educating all of our children must be one of our most urgent priorities. We all know that education, more than anything else, improves our chances of building better lives." Wir benötigen eine integrative werteorientierende Bildung und Erziehung, auch in Schule. Daher sollen unsere Heranwachsenden „Gemeinsam leben lernen“ - angesichts vielfältiger Lebensanschauungen und Religionen.

Philosophie entspringt seit jeher dem Wunsch des Menschen nach Selbst- und Weltverständigung. Schon Immanuel Kant hat in seiner Schrift „Was heißt: Sich im Denken orientieren?“den geographischen Orientierungsbegriff in den Bereich des Denkens übertragen und mit dem Postulat des freien Vernunftgebrauchs verbunden. Philosophie kann gerade durch ihren Anspruch auf Aufklärung Hilfe zur Orientierung geben. Fordern wir Philosophieren als vierte Kulturtechnik.Philosophie kann der Orientierung dienen auf zweierlei Weise: in der Anleitung zum Selbst-Denken und durch den in ihr bereitliegenden Fundus an Denk- und Deutungsmustern. Man denke etwa an Platons Höhlengleichnis, an Kants kategorischen Imperativ oder an Sartres existenzphilosophische Ortsbestimmung des Menschen – um einen weiten Bogen (neben anderen möglichen) anzudeuten.

Heute stellt sich die Aufgabe, noch elementarer anzusetzen und Wege zu einer philosophischen und ethischen Allgemeinbildung zu ebnen, die orientierend wirken kann. Sie legt das Individuum nicht auf endgültige Wahrheiten oder gar ein Bekenntnis fest. Philosophie und Ethik in der Schule kann und sollte Orientierungshilfe nur im Sinne eines Angebots sein, das Anstöße gibt, aber dem einzelnen Menschen nicht nur die persönliche Entscheidung nicht erspart, sondern auch nicht die Anstrengung des Begriffs. Die gedanklichen Bemühungen und die kritische Auseinandersetzung kann und darf niemandem abgenommen werden, und eben sowenig das eigene, „gewissenhafte“ Urteil und das handelnde Eintreten für das eigene Urteil. Philosophisch wie pädagogisch müssen in diesem Zusammenhang die „letzten“ Entscheidungen offenbleiben. Denn die Basis der Philosophie ist nicht ein Überzeugungssystem, sondern die Rationalität und deren kritische Funktion. Die gemeinsame gedankliche Auseinandersetzung hat lediglich an der Vernunft ihr „gemeinsames Maß“.

Die philosophische Basis entspricht genau dem, was unter Respektierung der im Grundgesetz garantierten Religionsfreiheit und des weltanschaulichen Pluralismus von einem staatlich verantwortlichen Unterricht zu fordern ist. Im Brandenburger Unterrichtsfach „LER“ (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde) scheint mir die Frage noch nicht endgültig geklärt, ob eine weltanschauliche Basis vorausgesetzt wird oder vielleicht gar erarbeitet werden soll. Das integrative Berliner Pflichtfach „Ethik“ ist hierbei deutlich weiter.

Der konfessionell unabhängige Unterricht an staatlichen Schulen wird „Ethik“, „LER“, „Werte und Normen“, „Praktische Philosophie“, „Ethik für alle“  oder anders benannt. Er ist nicht immer konsequent integrativ angelegt. Jede Bezeichnung erscheint aus philosophischer Sicht fragwürdig, zumindest als eine starke Vereinfachung; aber um der gesellschaftspolitischen Vermittlung willen sind Kompromisse wohl nicht zu vermeiden. Ein der Orientierung dienender „Ethik–Unterricht“ umfasst andererseits nicht nur Themen der philosophischen Ethik (im engeren Sinn), sondern darüber hinaus Themenfelder des Selbst- und Weltverständnisses in einem durchaus weiten Sinn und führt zur Dialogfähigkeit.

Solche Themen lassen sich den folgenden Grundfragen zuordnen:

- der philosophischen  Anthropologie (Menschen- und Weltbilder, die den Menschen in Beziehung zu seinen verschiedenen Seinsdimensionen betrachten, z.B. „Schichtenmodelle“ der Seele, das Leib-Seele-Problem, das Verhältnis Individuum - Gemeinschaft, der Bekannte - der Fremde, der „Andere“);

- der klassischen Metaphysik (z.B. Ursprung von Mensch und Welt, Freiheit und Schicksal, Unsterblichkeit, Theodizeefrage);

- der Religionskunde bzw. vergleichenden Religionswissenschaft (z.B. autoritäre – humanitäre Religion, Säkularisierung, Fundamentalismus) und Religionsphilosophie (z.B. Beweisbarkeit Gottes, philosophischer vs. theologischer Gottesbegriff, metaphysische Grundbedürfnisse);

- der Gesellschafts- und Staatsphilosophie (z.B. die Legitimierbarkeit von Herrschaft; die Bedeutung von Utopien, die Begründung der Menschenrechte);

- auch grundlegende Fragen der Erkenntnistheorie (z.B. Erscheinung und Wirklichkeit, Raum und Zeit, Naturbegriff; Definitionslehre, Wirklichkeitsverständnis, Wissenschaftsverständnis, „Kopernikanische Wende“);

- aktuelle Themen aus der Angewandten Ethik (Technikfolgenabschätzung, Wirtschafts- und Medizinethik, Ökologische Philosophie).

Die Entwicklung von Integrations- und Dialogfähigkeit ist zentral für den Ethik–Unterricht auf philosophischer Basis. Diese Fähigkeit ist in sich komplex, sie umfasst kognitive, emotionale und soziale Komponenten, und sie stellt hohe Anforderungen an Schüler/innen wie Lehrer/innen. Daher ist sie nicht nur Lernziel des Unterrichts, sondern auch Bildungs- und Erziehungsziel der Unterrichtenden. Nur wenn die Lehrenden an ihrer eigenen Integrations- und Dialogfähigkeit arbeiten, können sie Integration ermöglichen, Dialoge anregen, führen und mittragen, kurz: zur Integrations- und Dialogfähigkeit erziehen.

Schon Jean le Rond d’Alembert schreibt in der „Encyclopédie“ zur Bedeutung des Erziehers und Ethik-Lehrers: „Wenn die Erziehung der Jugend vernachlässigt wird, so haben wir uns das nur selbst und dem geringen Ansehen zuzuschreiben, das wir  gegenüber denen bezeugen, die diese Erziehung auf sich nehmen; das ist die Furcht jenes Geistes der Oberflächlichkeit, der in unserer Nation herrscht  und der sozusagen alles andere absorbiert. In Frankreich dankt man selten irgendjemandem dafür, dass er die Pflichten seines Berufes erfüllt; man sieht lieber, dass er oberflächlich ist. …“.

Ausblicke

Wir suchen, wie viele andere Menschen, nach einem Leben in Frieden und Vielfalt, in Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, in Toleranz und Humanität. Dafür benötigen wir die verantwortungsethische Realisierung der Menschenrechte in Würde für jeden Menschen als gemeinsame Werte. Frieden und Freiheit in der Realität der Menschenrechte sind Garanten für Integration und ein glückliches Leben. Es reflektiert ein wesentliches globales Problem, das das Leben und Weiterleben der Menschen, ja ganzer Völker beinhaltet.

Das "globale Dorf", in dem wir leben, führt alle Teile der Erde, die Mehrheit der Menschen durch die Medien, die Digitalisierung und die Verkehrsmöglichkeiten näher zueinander.  Es werden aber schon seit geraumer Zeit auch Probleme sichtbar, die mehr oder weniger alle berühren und die nicht mehr nur lokal begrenzt sind. Auch sie führen uns zusammen. Wir stehen vor der Situation, Sichtweisen zu entwickeln, die die Zusammenhänge, das Ganze erfassen. Bisheriges ist genauer zu hinterfragen, bisher gültige Erkenntnisse und Urteile sind kritisch zu beleuchten. Wir beginnen schon seit einigen Jahren, wirklich umzudenken und die globalen Probleme in qualitativ neuen Dimensionen zu verstehen - und vor allem neue Herangehensweisen an unser Leben und die Zukunft zu entwickeln.

Auch in unseren freigeistigen Vereinigungen diskutieren wir über eine Identitätswende im menschlichen Zusammenleben und die damit verbundene weltgeschichtliche Epoche tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Weltbürgerliches Bewusstsein entsteht als Voraussetzung für den homo humanus. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfährt die Weltbürgerlichkeit angesichts der Globalisierungsprozesse eine neue Qualität. Es entstanden Probleme, die sich nicht mehr lokal, national oder kontinental lösen lassen. Es entwickelt sich eine neue Verantwortung für uns Menschen, die nur aufgrund eines weltbürgerlichen Bewusstseins erfasst und getragen werden kann.

Was ist zu tun? Noch zu wenig werden politikrelevante Strukturen verändert, die diese globalen Probleme einer Lösung zur Bewahrung der menschlichen Kultur und der Natur zuführen können. Fraglich wird ein auf Arbeit beruhendes Gemeinwesen, wenn es mit der Entwicklung von Destruktivkräften stark verbunden wird. Fraglich wird der Mensch, der seine durch Tätigkeit geschaffene Kultur und seine gesamte Existenz vernichten kann und schon vernichtet. Fraglich ist eine Ethik, die friedliche, ökologische Arbeitstätigkeit und darauf bauende humanistische Werte nicht bejaht, schützt und fortführt. Fraglich wird eine kosmopolitische Utopie, die ohne den für das Gemeinwesen tätigen Menschen keinen Sinn mehr macht.

Es ist deutlich, dass nur mit einem ganzheitlichen Herangehen, mit weltbürgerlichem Bewusstsein die globalen Probleme lösbar sind. Nur eine globale Verantwortung, die entsteht aus der Verantwortung aller Menschen, wenigstens seiner übergroßen Mehrheit, führt zu grundlegenden Veränderungen in Politik, Wirtschaft, Bildung und Moral. Doch wir dürfen nicht warten, bis sich im Großen etwas tut, uns herausreden, dass wir als Einzelne nichts tun können, denn im millionenfachen Kleinen beginnt die Wende, die zugleich eine Identitätswende für die Menschheit sein kann.

Unser Streben nach Glück hat nur Würde, wenn es nicht auf dem Unglück anderer aufbaut. Unser Streben nach Würde muss die anderen als Gleiche anerkennen.

Unser Programm für Geistesfreiheit, Menschenrechte und dogmenfreie Lebensgestaltungen ist nicht veraltet. Es ist Ausdruck Neuen Denkens und setzt aufklärerisches Denken fort. Aufklärerisches Neues Denken verbindet sich mit weltbürgerlicher Identität, Geistesfreiheit und  Menschenrechten. Wir sind eine nicht mehr ruhende Einmischung in die Verwirklichung der Bürger- und Menschenrechte weltweit, wo immer sie verletzt werden - sei es im Inland oder im Ausland, sei es in der Gegenwart oder in der Zukunft.

Literatur:

Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt am Main 1979.

Max Weber: Politik als Beruf. In: Gesammelte Politische Schriften, hrsg. von J. Winckelmann. Tübingen 1988. 551-552.

Jean le Rond d’Alembert: Schule – Collège. In: Artikel aus der von Diderot und d’Alembert herausgegebenen Enzyklopädie. Leipzig 1984. S. 192.

Louis de Jaucourt: Natürliche Freiheit – Liberté naturelle. In: Artikel aus der von Diderot und d’Alembert herausgegebenen Enzyklopädie. Leipzig 1984. S. 581 f.

Albert Einstein: Für einen militanten Pazifismus. In: Albert Einstein - Sigmund Freud: Warum Krieg? Ein Briefwechsel. Zürich 1972. S. 10 f.

Vgl. in der DFW-Schriftenreihe für freigeistige Kultur:  „Lebensgestaltung / Ethik / Religionen“ (Heft 2. Pinneberg 1993), „Religionsunterricht und/oder Lebensgestaltung/ Ethik/ Religionskunde (LER) an den Schulen?“ (Heft 10. Pinneberg 1997) und „Werteerziehung in der Schule – LER und Alternativen zum Religionsunterricht“ (Heft 16. Berlin Hannover 2002).

Volker Mueller: Monopol der Religionen oder Allianz für Toleranz und Nichtdiskriminierung? – Thesen zur Werteerziehung. In: Heft 22 der Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Berlin Hannover 2006.

Volker Mueller: Sind Utopien und Visionen zeitgemäß? In: Schriftenreihe der Freien Akademie. Band 26. Berlin 2006.