Das Humanistische Manifest III.
Eine internationale Diskussion für das 21. Jahrhundert

Das vorliegende bedeutsame Dokument "Das Humanistische Manifest III." wurde von der IHEU-nahen International Academy of Humanism, Sitz in Amherst/ USA, herausgegeben.  Das Dokument berührt die internationale Diskussion über Fragen unserer Gegenwart und die nähere Zukunft und versucht, daraus ein freies humanistisches Handlungskonzept zu entwickeln. Es soll über nationale und kontinentale Grenzen hinaus für Menschen, die keiner dogmatischen Religion oder einer anderen kirchlichen Organisation angehören, eine gemeinsame Plattform finden, um  die Herausforderungen, die durch die globalen Probleme und die Globalisierung entstanden sind und noch entstehen werden, im humanistischen Sinne zu lösen.

Das Motto des Manifestes lässt sich in dem Satz darstellen: Der Ruf nach einem neuen globalen Humanismus. Hierbei ist ein säkularer Humanismus gemeint, zumal es auch in christlichen Religionen oder anderen Weltreligionen einen humanistischen Gehalt geben kann.

Das Humanistische Manifest III. ist im Herbst 1999 veröffentlicht worden /1/. Es bezieht sich im wesentlichen auf den Humanismus, der in der Renaissance seinen Ausgangspunkt hatte. Hier wurde in der Tat versucht, die große geschichtliche Entwicklung seit der Renaissance zu sehen und die Wurzeln aufzufinden, die sich durch Aufklärung, Vernunft, Menschlichkeit charakterisieren lassen. Im Mittelpunkt stehen die  modernen Werte von Freiheit und Glück sowie die Grundwerte aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO - mit Hinweisen  auf die entsprechenden Traditionen, wie sie durch die Unabhängigkeitserklärung der USA oder  die Erklärung der Menschenrechte, die 1789 während der französischen Revolution entstanden  ist, geprägt sind. Das sind die großen historischen Linien, die im Manifest III. skizziert werden und Ursprünge darstellen. Es spielt dabei die Befreiung von dogmatischer Religion und Ideologie eine zentrale Rolle. Ebenfalls werden thematisiert die Veränderungen der 90er Jahre im globalen Maßstab, der Zusammenbruch des totalitären Kommunismus, einer Herrschaftsform, die mit dogmatischer Ideologie verbunden ist.

Vorgänger des Humanistischen Manifestes III. sind zwei andere Manifeste aus den Jahren 1933 und 1973. Das Manifest II. behandelt  vor allem die Nachkriegsordnung und die sich daraus ergebenen Probleme der Entwicklung der Menschheit, wie z.B. Fragen der Unterentwicklung sowie Hungerprobleme. Dann gab es in den achtziger Jahren weitere zusätzliche Erklärungen der International Humanist and Ethical Union (IHEU), die aber nicht als umfassend bezeichnet werden können.

Das Humanistische Manifest III. beinhaltet 10 Kapitel. Neben der Präambel gibt es eine  Analyse unserer Gegenwart, die sich mit bestimmten Aussagen über eine mögliche zukünftige Entwicklung nach humanistischen Grundsätzen und Prinzipien verbindet.

In dem Manifest wird keine technik-feindliche Position entwickelt. Im Vordergrund steht die Auffassung, dass nur mittels technologischen Fortschritts, den wir heute haben, die Möglichkeit besteht, auch die Probleme, die wir heute haben, zu lösen. Dies geht nicht ohne Technik und Technologie und schon gar nicht dagegen. Es sind Konzepte zu entwickeln bzw. technische und wissenschaftliche Erkenntnisse zu nutzen, um ein menschenwürdigeres Dasein in einer ökologisch gesicherten Natur zu ermöglichen.

In dem Manifest werden, vor allem was globale Probleme betrifft, immer wieder thematisiert:

- Hunger und Unterentwicklung, Armut und Notlagen,

- Schutz von Natur und Umwelt, ökologische Sicherheit,

- die Massenvernichtung, die Möglichkeit, durch Massenvernichtungsmittel die Menschheit zu vernichten, nicht nur mit Atomwaffen, auch mit bakteriologische und chemische Waffen.

Durch das Manifest III. zieht sich die Erkenntnis, dass dies Probleme sind, die nicht national, sondern nur international gelöst werden können. Hier bietet die Globalisierung auch gewisse Chancen, weltweite Probleme konzentrierter und komplexer  anzupacken und zu einer Lösung zu treiben.

Im Manifest wird die neue Qualität der internationalen Mediengesellschaft thematisiert: Es ist  in den letzten Jahren objektiv eine ganz neue Vernetzung von Wissenschaft, überhaupt von Wissen und Kommunikation entstanden. Die damit verbundenen neuen Herausforderungen, wie die Menschen künftig miteinander umgehen sollen, bilden einen weiteren Schwerpunkt der humanistischen Betrachtung. Ebenso werden die philosophischen Grundlagen, die in einem wissenschaftlichen Naturalismus gesehen werden, ohne die Vielfalt weltanschaulicher und kultureller Traditionen zu übersehen, herausgestellt /2/.

Kern des Humanistischen Manifestes ist  die grundlegende Aussage, dass eine neue Identität  des Menschen herausgebildet werden soll, und zwar die, ein Weltbürger zu sein. Somit ist der Mensch nicht in erster Linie Europäer oder Amerikaner oder Asiate oder Inder oder Chinese oder Australier. Wie kann dieses Bewusstsein wirklich ins tägliche Handeln übergeführt werden? Es geht darum, dass jeder Mensch als solches, als Gattungswesen eine Identität hat - unabhängig davon, wo er lebt, wie er wohnt, wo er geboren ist, was er arbeitet, welche Hautfarbe er hat, was er glaubt oder denkt. Für uns freiheitlich, demokratisch und humanistisch Gesinnte ist dies kein neuer Gedanke, sehen wir doch das zu erstrebende Menschenbild eines homo humanus.  In Bezug auf die Globalisierungsprozesse entsteht eine neue Qualität menschlicher Beziehungen und eine viel stärkere Notwendigkeit, alte und neue Probleme zu lösen.

Im 9. Kapitel des Manifestes wird die Notwendigkeit neuer globaler Institutionen als wichtigste Herausforderung unserer Gegenwart herausgearbeitet. Globale Institutionen sind einzurichten, um die Probleme, die wir erkannt haben, gemeinschaftlich und verbindlich zu lösen.

Die Frage nach einem Weltparlament ist eine recht neue Frage. Auch die UNO hat  in den über 50 Jahren eine wichtige Rolle in der Welt gespielt, sie ist zu reformieren und umzustrukturieren, nicht als eine Gemeinschaft von Staaten, sondern als ein gewähltes Parlament von Menschen dieser Erde. Das wäre eine ganz neue Qualität der UNO. Wir wählen  das Europäische Parlament. Warum wählen wir nicht ein Weltparlament, wodurch es wirklich eine von allen Menschen gewählte globale Institution, eine Legislative gibt. Ein Weltparlament wird als ein Fernziel betrachtet, das weder morgen noch übermorgen erreicht sein wird. Eine Wahl dieses Parlaments durch die Weltbevölkerung ist eine politische Forderung für das 21. Jahrhundert. Daraus ergeben sich ganz neue globale Gestaltungsmöglichkeiten, etwa durch die Gesetzgebung für die Menschheit, so wie es sich für ein Parlament gehört.

Probleme sind nicht mehr militärisch zu lösen. Probleme, die den Frieden bedrohen, sind entsprechend zivil und völkerrechtlich zu regulieren durch ein friedenserhaltendes Sicherheitssystem, das eben durch nichtmilitärische Mittel gekennzeichnet ist.

Es sollen globale Institutionen geschaffen werden, die sich vor allem darum bemühen, dass die Meinungsfreiheit, die Pluralität in den Lebensanschauungen sowie soziale Grundsicherheiten  und ausgewogene ökonomische und ökologische Entwicklungen geschaffen, bewahrt und weiterentwickelt werden.

Zentral wird im Humanistischen Manifest III das Verhältnis von Menschenrechten, Völkerrecht und globaler Justiz besprochen: In  Bezug auf das internationale Recht  wird festgestellt: "Die globale Gemeinschaft muß ein internationales Rechtssystem schaffen, das einzelstaatliche Rechte bricht." Das ist revolutionär! Und weiter: "Wir müssen eine gesetzlose Welt in eine Welt verwandeln, die Gesetze hat, die jeder verstehen kann und an die jeder sich halten kann."/3/

Mit Neugier, Offenheit, Gleichberechtigung und Toleranz beteiligen wir uns an den internationalen Diskussionen und an den globalen Veränderungen. Wir haben Handlungsbedarf, damit der "globale Zug" nicht an uns vorbeirauscht.

 

Dr. Volker Mueller, Falkensee

 

 

 


 

Anmerkungen:

 

 

 

/1/        Das Humanistische Manifest III. Der Ruf nach einem neuen globalen Humanismus. In.: humanismus aktuell. Heft 5. Berlin 1999. S. 40 - 65.

 

/2/        Vgl. Volker Mueller: Hat Humanismus (k)eine Zukunft? In: Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Heft 12. Pinneberg 1999; vgl.: Volker Mueller: Humane Identität in ethischer Neuorientierung. In: Schriftenreihe der Freien Akademie. Nr. 21. Berlin 2002.

 

/3/        Das Humanistische Manifest III. A.a.O.  S. 60.